Das Ringheiligtum Pömmelte

Das Ringheiligtum in Pömmelte und die dazugehörige Begleitausstellung im Salzlandmuseum Schönebeck (Elbe) sind zwei „Kultureinrichtungen“ des Salzlandkreises  in Sachsen-Anhalt. Der vorliegende Artikel hat zwei Besonderheiten: zum einen soll er ein Beitrag zur Blogparade zu Kultur und Kulturtourismus von Kultur hoch N und Zeilenabstand.net unter #KulTourRaum sein und das Ringheiligtum – auch „deutsches Stonehenge“ genannt – als einen ganz besonderen Kulturort in Sachsen-Anhalt vorstellen. Zum anderen arbeitet mein Mann Frank im Salzlandmuseum, das die zum Ringheiligtum gehörige Präsentation als Teil seiner Dauerausstellung zeigt und zudem den dortigen Betrieb verantwortet, – somit ist der Artikel ein gemeinsames Projekt.

Die Kathedrale der Steinzeit

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Das Ringheiligtum in Pömmelte ist eine Station der  Himmelswege, der archäologischen Tourismusroute Sachsen-Anhalts, deren bekanntester Station die Arche Nebra ist, in der die Reproduktion der berühmten Himmelsscheibe von Nebra gezeigt wird. Beim Ringheiligtum Pömmelte wiederum handelt es sich um eine prähistorische Kreisgrabenanlage aus der Zeit vor 4.300 Jahren. Warum aber bezeichnet man das Ringheiligtum als deutsches Stonhenge? Der Archäologe André Spatzier, ehemaliger Grabungsleiter von Pömmelte, sieht die Ringanlage von ihrer Qualität her auf einer Ebene mit Stonehenge – außer dass, erstere aus Holz gebaut war und somit bis zur heutigen Rekonstruktion keine sichtbare Repräsentation hatte. Eine weitere Bezeichnung für das Ringheiligtum lautet „Kathedrale der Steinzeit“, da es im Wesentlichen als heiliger Ort anzusehen ist.  Durch die kreisrund angeordneten Pfähle wird eine besondere Atmosphäre geschaffen und die Mitte der Anlage wurde – ähnlich der Liturgie in einer Kirche – für rituelle und religiöse Handlung genutzt. Diese Rituale werden auf den Betonstelen des Nachbaus in Pömmelte und in der begleitenden Ausstellung des Salzlandmuseums im Detail erklärt.

Die Ausstellung zum Ringheiligtum

Impressionen aus der Ausstellung zum Ringheiligtum im Salzlandmuseum

Im Salzlandmuseum befasst sich ein Teil der Dauerausstellung – neben Elbschifffahrt und Salz, zwei wichtige Themen für die Region – mit dem Ringheiligtum. Die gesamte Region um Schönebeck (Elbe/Saale) ist reich an archäologischen Funden aus der Zeit der Bandkeramik (ca. 6.500 Jahre vor heute). Bei den Bandkeramikern handelt es sich um eine der ersten eingewanderten Agrargesellschaften aus Südosteuropa in Mitteldeutschland. Schon vor der Einrichtung eines Museums, in den 1920er Jahren, wurden vom damaligen Museumsverein Ausgrabungen rund um Schönebeck organisiert. So fanden bereits damals wichtige vor- und frühgeschichtliche Funde, z.B. aus Zeiten der Glockenbecher- und der Aunjetitzer-Kulturen ihren Weg in die Sammlung. Aufgrund der besonderen Qualität der gefundenen Objekte war es eine logische Konsequenz, nachdem die Ausgrabungen in Pömmelte und die Rekonstruktion abgeschlossen waren, dem Ringheiligtum einen Teil der ständigen Ausstellung im Salzlandmuseum zu widmen.

Die Ausstellung ist aufgrund der Provinienz der Funde zweigeteilt. Der Beginn der Ausstellung beschäftigt sich mit der Geschichte des Museumsvereins und beschreibt, wie dieser die Sammlung, zu einem großen Teil durch eigene Ausgrabungen initiiert und aufgebaut hat. Wie aber werden die Funde der Steinzeit zugeordnet und wie wird dise Zeit in der Archäologie eingeteilt? Je nach Aussehen der gefundenen Beigaben in den steinzeitlichen Gräbern (Töpfe, Werkzeuge oder Waffen) kann eine einheitliche Kultur und so auch der Zeitraum ihrer Existenz bestimmt werden. Diese Abfolge verschiedener Kulturen wird anhand von Exponaten aus der Sammlung des Salzlandmuseums in einer Chronologie in der Ausstellung erfasst. Anhand von exemplarisch ausgewählten Objekte – vom ältesten Fund aus der Jungstein- bis zum Anfang der Bronzezeit, d.h. der Zeit der Himmelsscheibe von Nebra (3.600 vor heute) – wird dem Besucher die zeitliche Abfolge genau vermittelt. Nach diesem allgemeineren Überblick beginnt der Teil der Ausstellung, der sich mit der Geschichte der Entdeckung der Kreisgrabenanlage beschäftigt. Die Arbeiten können Schritt für Schritt nachvollzogen werden. Nach der Ausgrabung wurde die Anlage später in Holz rekonstruiert und kann von Besucher*innen in Pömmelte schließlich seit der feierlichen Eröffnung im Jahr 2016 besucht werden.

Der Mittelpunkt der Rekonstruktion des Ringheiligtums bilden zwei Tore. An diese sollen zwei Vitrinen erinnern, welche den Eingang zum zweiten Teil der Ausstellung im Salzlandmuseum bilden. Auch die Gestaltung ändert sich: erinnern die Vitrinen des ersten Bereichs an die Gründungszeit des Museumsvereins in den 1920er Jahren, wird nun die Farbe und Gestaltung modern und greift die Ästhetik der Holzkonstruktion der Anlage auf. Hier werden die in Pömmelte gefundenen Stücke präsentiert. Das Ringheiligtum bzw. die Kreisgrabenanlage ist, auch wenn sie als touristisches Ziel  noch nicht so bekannt ist, einer der überragenden Funde der letzten 25 Jahren in Deutschland. Sie ist von der Herkunft, Kultur, Aufbau und Größe her mit dem berühmten Stonehenge nicht nur gleichzusetzen, sondern durch die vielseitige und breite Fundsituation ist sie wissenschaftlich sogar wichtiger als die Touristenattraktion aus England. So wurden für das Ringheiligtum mehrere Bedeutungsebenen erforscht und nachgewiesen. Drei Kulturen (Schnurkeramiker, Glockenbecher und Aunjetitzer) treten nacheinander an diesem Ort auf und machen ihn zu ihrer heiligen Stätte, markiert durch Stämme und kreisrunde Graben für verschiedene Rituale und Zeremonien. Die drei Kulturen werden anhand einer Auswahl gefundener Objekte, u.a. Keramikfunde oder Steinwerkzeug, in der Eingangsvitrine des zweiten Teils nachgewiesen.

Die sogenannten Mitviertelfeste – Marker für den Beginn der vier Jahreszeiten im März, Juni, September und Dezember – werden im Ringheiligtum durch die Sonnenauf- und Untergänge in einer Sichtachse zu den beiden Toren angezeigt. Zu diesen Zeitpunkten wurden sicherlich Feste gefeiert und Rituale vollzogen. Dies ist im Ringheiligtum selbst anhand von 29 Deponierungsschächten, welche Opferfunde von über 300 Jahren enthielten, gut nachzuweisen. In dieser Zeit der Nutzung wurden immer wieder in verschiedenen Schichten Niederlegungen von Essen, Keramik sowie Steingeräten gefunden. Der größte Fund ist ein fast 100 Kilogramm schwerer Mahlstein, der umgeben von Tierknochenfunden, in der Ausstellung gezeigt wird. Sieben menschliche Opfer fand man in den so genannten Opferschächten, von denen vier nachweislich getötet und in die Grube geworfen wurden. Erkennbar ist dies anhand der ausgegrabenen Schädel einer jungen Frau und eines Kinds mit Traumata, d.h. mit tödlichen Einschlägen auf den Köpfen. Bei allen sieben menschlichen Opfern handelt es sich ausschließlich um Frauen oder Kinder. Im Gegensatz dazu stehen die im Osten gefundenen Gräbern von elf jungen Männern. Diese wurden in einer bestimmten Liegerichtung bestattet, manchmal  sogar mit kleinen Beigaben, so dass man davon ausgeht, dass es sich bei ihnen nicht um Opfer, sondern um Priester oder Krieger handelt.

Eigentlich ging man immer davon aus, dass es sich um eine meist friedliche Zeit handelte. Dass es aber zu dieser Zeit auch kriegerisch zugehen konnte, beweisen die etwa 70 gefundenen Silexpfeilspitzen, deren abgebrochene Kanten dafür sprechen, dass sie abgeschossen wurden. Zehn dieser Spitzen können die Besucher*innen im Museum genau betrachten. Der Fund der Geschosse könnte entweder als Angriff auf die Anlage gesehen werden und auch der Grund sein, die dann entweihte heilige Stätte zu verlassen und in eine, etwa einen Kilometer entfernte, neue umzuziehen. Jedoch wurde die Anlage nach ihrer möglichen Entweihung nicht einfach aufgeben, sondern es wurden in einer rituellen Zeromonie alle Stämme gezogen, verbrannt und ihre Asche in den vorhandenen Kreisgraben geschüttet.

In der Nähe der Anlage wurde im Zuge der Ausgrabungen zudem eine Siedlung aus 13 Häusern gefunden. In einem Pfostenloch eines Gebäude wurde ein Topf entdeckt, der wohl auch als Opfer fungiert hat. Zu sehen ist die Keramik in der Ausstellung unterhalb des Nachbaus eines Modells der Häuser. Diese bestanden in der Regel nur aus Holz und Lehm und werden aufgrund ihrer Größe von bis zu 50 m Länge als „Langhäuser“ bezeichnet. In ihnen lebten drei bis vier Familien gemeinsam mit ihren domestizierten Tieren.

Was die Besucher*innen am Ende des Rundgangs im Salzlandmuseum noch nicht über die Stein- oder Bronzezeit wissen, können sie nachfragen. Wie aber kann man die Vergangenheit oder einen Menschen der damaligen Zeit befragen, wo Zeitreisen noch nicht möglich sind? Das Salzlandmuseum hat hier eine charmante Lösung: An einem Screen können die brennendsten Fragen per Knopfdruck gestellt werden. Können die „Geister“ bestimmte Fragen nicht beantworten, tritt der Schauspieler als zeitgnössische und reale Person auf und versucht aus heutiger Sicht, bestimmte Dinge zu erklären. So erhalten die Besucher*innen bei dem Fragetool noch einen interaktiven Abschluss der Ausstellung im Salzlandmuseum und können sich zusätzlich mit Filmen über das Ringheiligtum im Multimediaraum des Museums informieren.

Das Ringheiligtum medial

Eine gute Vorstellung der Kreisgrabenanlage bieten die eigens dafür produzierten Filme. Diese wurden vom Museum in Zusammenarbeit mit NFP Media produziert. Im Folgenden der Infofilm  „Ringheiligtum Pömmelte – Steinzeitkult an der Elbe“

Neben dem informativen, aber doch klassischen Infofilm gibt es auch einen „Entdecker“-Videoclip für Kinder und zwar mit Tom und Sarah. Die beiden sind die Protagonist*innen aus dem Schulsachbuch „Unterwegs mit Tom und Sarah“, das Schülerinnen und Schülern den Salzlandkreis mit seinen unterschiedlichen Orten, wie z.B.  Bernburg, Aschersleben, Staßfurt oder Schönebeck, nahe bringen soll – und nun eben auch Pömmelte.

(Kult-)Tour nach Pömmelte

Obwohl selbst der Spiegel vom Besuch im Ringheiligtum bereits 2016 berichtete, ist die Anlage (noch) ein Geheimtipp und nicht so überlaufen wie ihr britisches Pendant. Wer also die Himmelswege abschreiten möchte oder auch sonst in der Nähe unterwegs ist, dem sei als besonders Kulturerlebnis bzw. als spannender #KulTourRaum ein Besuch des Ringheiligtums und der Dauerausstellung im Salzlandmuseum sehr ans Herz gelegt. Zudem werden im Ringheiligtum an vier Tagen in der Woche Führungen ohne Voranameldung angeboten (am Dienstag, Freitag, Samstag, Sonntag für 3 Euro p.P., zwischen Ostern und dem Reformationstag, siehe: http://www.ringheiligtum-poemmelte.de).

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3 Antworten zu “Das Ringheiligtum Pömmelte

  1. Pingback: Blogparade #KulTourRaum: Kultur und Kulturtourismus im ländlichen Raum | Zeilenabstand.net - Blog für Kultur, Reisen und Webdesign·

  2. Pingback: Rückblick auf die Blogparade #KulTourRaum | Zeilenabstand.net - Blog für Kultur, Reisen und Webdesign·

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