Revolte im Museum: Ausstellungen zu „50 Jahre 68“ – Teil 2: „Freiraum der Kunst – Die Studiogalerie der Goethe-Universität Frankfurt 1964–1968“

Die Hessenschau hat Ende April auch 68er-Ausstellungen vorgestellt, die im Rhein-Main Gebiet zu sehen sind. Während die Ausstellung „Kunst der Revolte, Revolte der Kunst“ als Tipp in den Reigen der Präsentationen aufgenommen wurde, hat die Hessenschau meiner Meinung nach eine wichtige Ausstellung vergessen – möglicherweise, weil sie bereits einige Jahre vor 1968 einsetzt. Das Museum Giersch der Goethe-Universität zeigt mit „Freiraum der Kunst“ eine weitere Ausstellung in Frankfurt, die sich mit den revolutionären Umbruchsjahre 1964 bis 1968 beschäftigt. Hier steht allerdings die Kunst im Mittelpunkt, gab es doch zu der Zeit in Frankfurt einen Ort, an dem Kunst gezeigt und gemacht sowie Kunstgeschichte geschrieben wurde. Dieser einzigartige Ort war die so genannte studiogalerie, die im Studierendenhaus auf dem Altcampus der Goethe-Universität in Bockenheim beheimatet war (vgl. hierzu den vorherigen Artikel zu „Revolte im Museum“, Teil 1 und die dort besprochene Ausstellung „Kunst der Revolte“).

Das Museum Giersch, welches seit 2014 in das Frankfurter „Universitätsmuseum“ umgewandelt wurde, hat seitdem schon einige Ausstellungen mit Hochschulbezug präsentiert. Allen voran sei hier die Jubiläumsausstellung „Ich sehe wunderbare Dinge“ zu den universitären Sammlungen der Goethe-Universität genannt, aber auch die Ausstellung „Ersehnte Freiheit. Abstraktion in den 1950er Jahren“ im Jahr 2017 – in Zusammenarbeit mit dem kunsthistorischen Institut – sowie die kleine Präsentation „Goethe und die Dame in Blau“ – in Kooperation mit dem Universitätsarchiv und der dortigen Kunstsammlung – leben die Grundideen des Mission Statements. Das Museum, das nunmehr „Museum Giersch der Goethe-Universität“ (MGGU) heißt, zeigt seit seinem Übergang an die Universität neben Schauen, die traditionell der Kunst des Rhein-Main-Gebiets gewidmet sind, auch immer Ausstellungen mit bezug zur Universitätsgeschichte oder aktueller Forschung. Als „Fenster der Universität“ zur Stadt und zur Region will das MGGU verstanden und Wissenschaft im Format der Ausstellung anders visualisiert und der Öffentlichkeit nahe gebracht werden. So können Besucher*innen schon seit über drei Jahre neben vorzüglichen Kunstausstellungen auch Präsentationen mit kulturhistorischem oder geistes- bzw. gesellschaftswissenschaftlichem Hintergrund besuchen. Die aktuelle Ausstellung „Freiraum der Kunst“ vereint auf besondere Weise beides: zum einen beleuchtet sie mit den 60er Jahren eine der bedeutenden (und zugleich widerständigsten) Aspekte der Geschichte der Frankfurter Universität. Zum anderen sind die präsentierten Exponaten dieser Kunstepoche nicht nur von ästhetisch-kunsthistorischer, sondern auch von gesellschaftspolitischer Relevanz.

In den Jahren 1964 bis 1968 betrieben der Allgemeine Studierendenausschuss (ASTA) der Goethe-Universität die studiogalerie in ihrem Studierendenhaus, das ihnen als Ort des kritischen und wissenschaftlichen Diskurses von der amerikanischen Besatzungsmacht geschenkt wurde. In dem studentischen Ausstellungsraum wurden Performances, Happenings und Ausstellungen veranstaltet und nicht nur deutsche, sondern auch internationale Künstler*innen, die zum großen Teil das erste Mal in Deutschland präsentiert wurden, waren hier versammelt. Hier ttraf sich die künstlerische Avantgarde und es war ein ganz besondere Atmosphäre, in der progressive und experimentelle Kunst fernab vom veralteten Kulturdiktat des Establishments realisiert werden konnte. Freiheit der Kunst war die Devise. Diese Idee steckt auch im Titel der Ausstellung „Freiraum der Kunst“, der – so lässt uns der Einleitungstext der Ausstellung wissen – auf Aussagen des Galeristen Paul Maenz zurückgeht. Dieser hat gemeinsam mit dem Künstler Peter Roehr die berühmte Ausstellung „Serielle Formation“ im Jahr 1967 kuratierte und sagte in einem Interview 2012: „Dieselbe Ausstellung wäre nur ein Jahr später an diese Stelle der Universität Frankfurt kaum mehr möglich gewesen – zu rabiat waren mittlerweile das politische Klima, die antibürgerliche Polemik und die Unduldsamkeit gegenüber den angeblich politik-ignoranten Freiräumen der Kunst…“ (siehe: Einleitungstext zur Ausstellung im MGGU). In der Zeit ab 1967 radikalisierte sich die Studierendenschaft und Kunst wurde von den Kommiliton*innen nicht mehr als ein Ausdrucksmittel der Revolution oder einen Beitrag zur Demokratisierung der Gesellschaft, sondern als der Obrigkeit zugehörig betrachtet. Diese Einstellung brachte die Ausstellungsmacher*innen schließlich im Jaht 1968 dazu, die studiogalerie zu schließen – und ein wichtiges Kapitel fortschrittlicher Kunst in Franfurt wurde damit leider schon wieder beendet.

Jedes Jahr zeigte die studiogalerie zwei bis drei Ausstellungen, beginnend im Jahr 1964 mit „Neue Graphik“ und endend im Frühsommer 1968 mit „Systematische Kunst“. Diese Präsentationen oder auch künstlerische Einzelveranstaltungen – Charlotte Moorman und Nam Jun Paik traten beispielsweise mit ihrer neuen Musik, die zwischen Kunstperformance und musikalischem Happening angesiedelt war, auf – waren richtungsweisens. Neue und neueste Tendenzen in der Kunst, wie z.B. Lichtkunst, audiovisuelle Performances, Neuer Realismus, (P-)Op-Art, Kinetische und Konkrete Kunst wurden gezeigt. Neben amerikanischen Künstler*innen präsentierte die studentische Galerie auch europäische Positionen, wie z.B. im Jahr 1967 die Ausstellung „Konstruktive Tendenzen aus der Tschechoslowakei“, die mit ihren wichtigsten Vertreter*innen im gesamte 3. Stock des MGGU nachgezeichnet wird.

Impressionen 3. OG des MGGU

Das ist übrigens die absolute Stärke der Ausstellung, die wie keine bisher zurvor die Arbeit der studiogalerie nachvollzieht: zum einen stellt sie die verschiedenen Kunstrichtungen, welche zum Teil erstmals nach Frankfurt gebracht wurden, vor und zum anderen vollzieht sie die verschiedenen Ausstellungen im Studierendenhaus nach. Durch diese Systematik wird der Ausstellungsrundgang im 1. OG des Museums zu einem Ausflug in die studiogalerie und die Kunstgeschichte der 1960er Jahre. Den Anfang macht die „Neue Graphik“ und es folgen z. B.der amerikanische Avantgarde-Künstler Leon Polk Smith oder Rupprecht Geiger, einen Mitbegründer der Künstlergruppe ZEN 49, dessen Œuvre von leuchtenden monogromen Farbflächen dominiert wird. Ebenso spannend, weil sie die Nähe zur Literatur und zu Worten als formgebend für Kunstwerke beleuchten,  sind die „Publit Poem Paintings“ von Ferdinand Kriwet oder in Kooperation mit der Buchmesse 1966 „Das Seh-Buch – Dé-coll/age-Happening“ vom Aktionskünstler Wolf Vostell.

Impressionen 1. OG des MGGU

Das 2. OG des MGGU widmet sich dann der berühmtesten Ausstellung „Serielle Formationen“, welche die Daimler Art Collection bereits 2017 unter dem Titel „Serielle Formationen 1967/2017“ in Berlin re-inszeniert hatte. Die Ausstellung umfasste 50 Künstrler*innen, u.a. Christo, Donald Judd, Sol Lewitt, Charlotte Posonenske, Peter Roehr, Jan Schoonhoven, Andy Wahrhol, aus 14 Ländern und kann, so auch der Ausstellungstext, als „kunsthistorischer Höhepunkt“ bezeichnet werden. Ihren Titel bekam die Ausstellung, weil sie trotz der Heterogenität der Werke und der Unterscheidlichkeit der Kunstrichtungen Reihungen, Ansammlungen, Wiederholungen und Variationen sowie im Seriellen, laut dem Kurator Roehr, einen unmittelbaren Bezug zum Produktionsprozeß des Industriezeitalters aufweisen. Die verschiedenen Kunstrichtungen, Minimal Art, Avantgarde, Monochromie, Op-Art usw. werden an den jeweiligen Werken der präsentierten Künstler*innen vorgestellt. „Freiraum der Kunst“ bietet somit neben der Vorstellung der Ausstellung in der Ausstellung zudem noch eine mit lebhaften Exponaten unterlegte Einführung in die Kunstrichtungen der 1960er und 70er Jahre.

Impressionen 2. OG des MGGU

Die für mich schönsten Stellen der Inszenierung im MGGU sind immer diejenigen, an denen man über die ausgestellten Kunstwerke einen Blick in die Ausstellungen und Arbeiten der studiogalerie erhaschen kann. Man wird in die dortige Atmosphäre progressiven Kunst-Machens und Kunst-Ausstellens zurückversetzt, wenn Fotografien von Barbara Klemm die Kurator*innen oder Künstler*innen bei der Arbeit oder die Ausstellungsräume zeigen. Oder wenn hinter einem der im MGGU präsentierten Exponate eine lebensgroße, schwarz-weiße Wandtapete den Blick in das Studierendenhaus der 60er Jahre freigibt. Dann öffnet sich ein Fenster zur Vergangeheit und man spürt den Willen der damaligen Ausstellungsmacher*innen, mit Kunst zur Freiheit und Demokratisierung der Gesellschaft, zu Toleranz, Offenheit und Neugier der Besucher*innen beizutragen. Ideen, an denen sich Kurator*innen – wie in der vorgestellten Ausstellung auf besondere Weise umgesetzt – heute erneut orientieren sollten.

Einblicke in die studiogalerie

Zum Schluss, um den Besuch der Ausstellung noch mehr ans Herz zu legen, zeige ich Euch noch einen Einblick in die Ausstellung mit einem kleinen Film des MGGU:

 

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