Revolte im Museum: Ausstellungen zu „50 Jahre 68“ – Teil 1: „Kunst der Revolte – Revolte der Kunst“

1968: Immer wieder „Revolte“…

Sicher werden im Jahr 2018 anlässlich des Jubiläums viele Ausstellungen gezeigt, die sich mit dem Jahr 1968 in allen Bereichen – ob Politik oder Gesellschaft, Musik oder Mode, Kunst oder Kutur – sowie dessen Auswirkungen beschäftigen. Selbstbestimmung, Emanzipation und Autonomie sind nur ein paar Ziele der damaligen Bewegung, die bereits ab Ende der 1950er Jahre, vor allem bei der Jugend in Deutschland, als erstrebens- und erkämpfenswert angesehen wurden. Aber ist es überhaupt möglich, nach allem, was bereits über „die 68er“ geschrieben, geforscht und gezeigt wurde, diese anders oder neu darzustellen bzw. einen anderen Schwerpunkt zu setzen? Ja, das ist zum Glück möglich und in der Ausstellung, die als erste im Jubiläumsjahr 2018 hier betrachtet wird, noch dazu gelungen: Die Ausstellung „Kunst der Revolte – Revolte der Kunst“ zeigt einen neuen Zugang zu dem legendären Jahr auf, indem sie die „Wechselwirkung zwischen künstlerischer Praxis und politischem Aktivismus in Frankfurt“, wie es im Ankündigunsgtext heißt, fokussiert. Getreu der Devise, dass die Kunst die Revolte und die Revolte die Kunst beeinflusst hat, betrachtet sie dabei neben dem künstlerischen Zugang auch weitere kulturelle Initativen, wie beispielsweise die berühmte „studiogalerie, die Zeitschrift „diskus“ oder das „filmstudio“, rund um die Studierendenschaft der Frankfurter Universität. Soweit der Blick in die Vergangenheit. Die Ausstellung schlägt zudem in ihrer künstlerisch-ästhetischen Betrachtung der vergangen Revolte-Zeiten einen direkten Bogen zu den heutigen gesellschaftspolitischen Diskursen und setzt durch die Präsentation von Arbeiten zeitgenössischer Künstler*innen spannende Kontrapunkte. Bezeichnender Weise wurde die Ausstellung am 8. März, dem Frauen(-Kampf-)Tag, im Frankfurter Stadtteil Bockenheim eröffnet – der als Sitz der Goethe-Universität und des Instituts für Sozialforschung als DER Ort der Studentenrevolten der 60er Jahre bezeichnet werden kann. So werden zeitgenössische Arbeiten im Studierendenhaus gezeigt, während die Dante 9, der Ausstellungsraum des Frankfurter Universitätsarchivs in der Dantestraße, den Positionen der 60er Jahre gewidmet ist. Da die „Kunst der Revolte“ von den beiden Kuratorinnen, Michaela Filla-Raquin und Andrea Caroline Keppler, als ständiger Dialog mit heutigen gesellschaftspolitischen Diskursen und künstlerischen Positionen gesehen wird, wurde die Ausstellung darüber hinaus in ein vielfältiges Rahmenprogramm – von Theater über thematischen Stadtspaziergängen bis hin zu audiovisuellen Performances – eingebunden. Zudem ist das Projekt gemeinsam mit dem Offenen Haus der Kulturen e.V.  und in Kooperation u.a. mit dem Universitätsachiv Frankfurt, der Goethe-Universität,   der HfG Offenbach sowie dem AStA der Goethe-Universität und der Hessischen Theaterakademie realisiert worden.

Die künstlerischen Positionen der 60er Jahre, welche die Ausstellung präsentiert, sollten ästhetische Zugänge und Diskurse revolutionieren. In der Auseinandersetzung mit den Theorien der Frankfuter Schule entwickelte sich eine künstlerische Praxis, die neben einem kritischen Geist vor allem auch durch kollobrative und experimentelle Zugänge geprägt war. Man konnte Fluxus- und Aktionskunst erleben sowie Happenings von Bazon Brock, Nam June Paik und Charlotte Moorman beiwohnen – um stellvertretend nur ein paar der damals noch teilweise unbekannten Künstler*innen zu nennen, die im Studierendenhaus und in der dort ansässigen studiogalerie Kunstgeschichte schreiben sollten. Spannend sind auch die Arbeiten jüngerer, zeitgenössischer Künstler*innen, wie z.B. raumgreifende Installation, Video, Performance und Fotografie, da die widerspenstigen Formen und diskursiven Formate der Intervention und Kritik in den 60er Jahren noch längst nicht ausgeschöpft wurden. Vor allem angesichts der heutigen gesellschaftlichen Entwicklungen rund um Globalisierung, Krieg, Armut, Migration, Geschlecht und viele andere „Kampfplätze“ müssen Kunst und Revolte – so die Kunst sich ihrer Verantwortung in der gesellschaftlichen Debatte bewusst ist – auch in Zukunft miteinander verbunden bleiben.

1968-2018: Durch die „Kunst der Revolte“

Im Folgenden sollen einige ausgewählte Ausstellungsbereiche und Exponate näher betrachtet werden. Dies ist nicht auf Vollständigkeit angelegt, denn der Besuch der Ausstellung sei allen ans Herz gelegt. Es soll hierbei vor allem die wichtigste Botschaft der Ausstellung transportiert werden: Das Jahr 1968 ist 50 Jahre her und sollte nicht zu sehr verklärt werden, aber manche der politisch-gesellschaftlichen oder künstlerisch-progressiven Ideen sind weder „veraltet“, noch aus dem Diskurs wegzudenken; vielmehr sind sie noch immer wichtig für Veränderungen.

Impressionen aus der Ausstellung im Studierendenhaus (u.a. mit historischen Fotografien des UAF, von Barbara Klemm, Abisag Tüllmann, Inge Werth usw.)

Der erste Teil der Ausstellung im Studierendenhaus wird von einer in schwarz-weiß gehaltenen, überdimensionalen Wandzeitung  als „Kartographierung ästhetischer und politischer Diskurse“ dominiert. Besonders stechen hierbei die berühmten und aus dem kollektiven „Frankfurter Gedächtnis“ der 68er-Bewegung nicht wegzudenkenden Fotografien Barbara Klemms ins Auge. Klemm, eine der berühmtesten Zeitzeug*innen, hat das (fotografische) Bild dieser Zeit maßgeblich beeinflusst.  Um die Atmosphäre der Studierendenproteste in ihrem Streben nach Mitbestimmung und Auflehnung gegen die althergebrachten Hierarchien genauer aufzuzueigen, seien im Folgenden aus der hier präsentierten Karthographie zwei besondere Ereignisse in Frankfurt herausgegriffen. Im Zuge der Hausbesetzungen, Demonstrationen und verschiedenen Aktionen des „Ungehorsams“ wurde zum einen die Goethe in „Karl-Marx-Universität“ umbenannt und ein „Spartakus-Seminar“ eingeführt.  Unter dem Titel Revolt she said geht es zum anderen um den berühmten Tomatenwurf, den Sigrid Rüger in Richtung der männlichen SDS Mitglieder ausführte, um gegen deren Ignoranz und die vorherrschenden patriarchalen Strukturen zu protestieren. Dies hatten sich die Herren selbst zuzuschreiben, da sie der vorhergegangenen Rede von Helke Sander und dem dort geschilderten Wunsch nach einer feministischeren Ausrichtung der Politik keine Aufmerksamkeit schenkten. Der Kampf um mehr Rechte für Frauen sowie das Erstarken des Feminismus waren ein wichtiger Teil der Ziele in den 60er Jahren. Ob es um Gleichberechtigung oder das Recht auf Abtreibung ging, die Frauen haben für uns einige wichtige Siege errungen. Dass der Kampf aber noch lange nicht vorbei ist, zeigt, dass noch 50 Jahre später ein Paragraf 219a in Kraft ist und Ärzt*innen, die über Abtreibungen aufklären, kriminalisiert werden. So ist die Debatte um „mein Bauch gehört mir“ und die selbstbestimmte Beendigung der eigenen Schwangerschaft noch immer nicht zugunsten der betroffenen Frauen – die einzigen, die darüber bestimmen sollten – entschieden.

Die zwei wichtigsten „Institutionen“ der Kunst der 60er Jahre in Frankfurt waren zum einen die studiogalerie und zum anderen die Zeitschrift diskus, der die Wandzeitungsinstallation im Studierendenhaus nachempfunden wurde. Die studiogalerie war eine von Frankfurter Studierenden gegeründete Galerie für Gegenwartskunst, die mit der der berühmten Ausstellung „Serielle Formationen“ aus dem Jahr 1967 Kunstgeschichte geschrieben hat (siehe dazu auch den nächsten Blogbeitrag zur Ausstellung „Freiraum der Kunst“ im Museum Giersch der Goethe-Universität). Die damaligen Kurator*innen, Paul Maenz und Peter Roehr, zeigten unter der Idee der Serialität, welche für sie die Wechselwirkung zwischen Technik, Fortschritt und Gesellschaft ausdrückte, Werke der Minimal, Conceptual und Pop Art aus Europa und den USA. Diese neuen künstlerischen Konzepte waren in Deutschland zum größten Teil unbekannt und somit in ihrer Präsentation eine Sensation. Leider wurde Kunst schließlich in der Zeit der Radikalisierung der Studierendenschaft dann nicht mehr als Teil der Revolte, sondern als kontrarevolutionär angesehen und abgelehnt. Das führte in Folge zur Schließung der Galerie im Jahr 1968.

Das wichtigste Sprachrohr von Kunst und Kultur in den 60er Jahren war die 1951 gegründete und bis heute existierende Zeitschrift diskus. Sowohl in ihrer Gestaltung, durch Künstler*innen wie Peter Roehr oder Thomas Bayrle, als auch in ihren Inhalten stand sie für künstlerische und literarische Auseinandersetzungen. Zudem war sie ein Forum für junge experimentelle Autor*innen, wie z.B. Peter Weiss oder Bazon Brock, und bot Fotograf*innen, wie z.B. Abisag Tüllmann, die Möglichkeit ganze Bilderserien zu veröffentlichen. Ein besonderes Highlight der Ausstellung ist neben den in der Wandzeitung aufgenommenen Exemplaren des diskus, dass die Besucher*innen die Möglichkeit haben, in der Dante 9 in den Originalen zu blättern.

In in ihrem Langzeitinstallation „How to Start a Revolution“ von Anna McCarthy wird die Revolution heroisiert. Die Künstlerin sammelt Bilder, Objekte, Audioaufnahmen und Filme ihrer Performancekunst, in der sie sich mit originalen und gefälschten Dokumenten, immer wieder in die Rolle der Rebellin begibt. In der Präsentation ihrer Arbeit in Frankfurt, welche die Luft von 1968 quasi ausströmt, kommentiert McCarthy somit die revolutionären Bestrebungen mit einer gewissen Ironie.

Das zweite OG des Studierendenhauses ist verschiedenen Videoarbeiten gewidmet. Harun Farockis Videos „Nichtlöschbares Feuer“ (1969), zu den verheerenden Folgen von Napalm Einsatz und des Vietnam-Krieges, oder „Ihre Zeitungen“ (1968), das den Vietnamkrieg mit der Meinungsmache des Springer-Presse verknüpft, werden hier gezeigt. Mit diesen Arbeiten treten zeitgenössische in Dialog: Unter anderem wird „Visionäre Ruinen“ des Künstler*innen-Kollektivs Frankfurter Hauptschule aus dem Jahr 2018 gezeigt, in dem u.a. ein Polizeiauto angezündet wurde. Damit und mit weiteren Aktionen möchte das Kollektiv auf die schwierige Situation des Frankfurter Bahnhofsviertels aufmerksam machen und zugleich gegen die Verdrängung der Drogensüchtigen sowie Polizeigewalt protestieren. Die kollektive Aneignung städtischer Räume sowie das Verhältnis Kunst und Realismus thematisieren die Arbeiten der Realism Working Group, wie z.B. „diskus“ (2018), eine Rauminstallation, in der das aktuelle diskus-Heft als Collage und auf Stoff übersetzt wurde.

Impressionen aus der Ausstellung in der Dante 9 (u.a. mit Arbeiten von Barzon Brock, Ferdinand Kriwet, Thomas Bayrle/Bernhard Jäger, Inge Werth, Alexander Kluge etc.)

Im zweiten Teil der Ausstellung, in der Dante 9 werden die künstlerischen Positionen, welche im Studierendenhaus gezeigt werden, noch einmal ergänzt und vertieft. Neben den bereits erwähnten Ausgaben des diskus zum Ansehen und Anfassen am von den Kuratorinnen so genannten „Diskus-Lesetisch“ sind hier auch viele Fotografien von Abisag Tüllmann und Barbara Klemm zu sehen. Von zweiterer stammt beispielsweise die berühmte Fotografie, welche Theodor W. Adorno im Jahr 1969 zeigt, als er das von Studierenden besetzte Institut für Sozialforschung räumen ließ. Die erhitzte Stimmung unter den Studierenden drücken zudem die vom Basis-Atelier Frankfurt im Jahr 1968 erstellten und durch Bilder von Inge Werth oder Malte Rauch  vom Pariser Mai beeinflussten Plakate aus, die zu Streik und Widerstand  aufrufen.

Zwei Videoarbeiten, die in der Dante 9 gezeigt werden, gehören zu meinen Favoriten in der gesamten Ausstellung „Kunst der Revolte“. Sie vermitteln zwar die Atmosphäre von 1968 bzw. diejenige der 60er und 70er Jahre, zugleich beziehen sie sich jedoch auf  unsere gesellschaftspolitischen Diskurse. Da wäre das als fortlaufendes Onlinearchiv angelegte „Zoon Politikon“ von Jonas Englert. In diesem geht es um den Menschen als politisches und soziales Mitglied der Gemeinschaft sowie um dessen Reaktion und Umgang mit den gesellschaftlichen Paradigmenwechsel des 20. und 21. Jahrhunderts. Die mehr als Porträts denn als Interviews angelegten „Vorstellungen“ der eigenen Identität zeigen Personen im Close-Up ohne ein Gegenüber – außer der Kamera. Diese stellen sich und ihr Leben im Bezug zur Politik in 50 Minuten vor. Für die Ausstellung wurden aus dem „Zoon Politikon„-Archiv drei Personen, für welche die Jahre um 1968 besonders bedeutsam sind, ausgewählt, um ihre jeweilige politische „Biografie“ zu präsentieren: Es handelt sich hierbei um den Sozialphilosophen Oskar Negt, die Soziologin und Feministin Ute Gerhard und schließlich den Publizisten Gerd Koenen.

Die zweite spannende Arbeit ist Frauke Zabels „Zeitgenossen“ (2016). Hierin werden originale Interviews mit acht Altachtundsechzigern und Zeitzeugen, wie u.a. KD Wolf, Daniel Cohn-Bendit, Silvia Bovenschen, Gretchen Dutschke-Klotz oder Martin Dannecker, reinszeniert, um sowohl die problematischen als auch die positiven Folgen der Bewegung aufzuzeigen. In Zeiten der Krise der Linken, dem Aufkommen der Neuen Rechten und des erstarkenden Konservatismus ist die hier inszenierte Spurensuche für unsere Gegenwart besonders aktuell. Was sind Bewegungen, wie beeinflussen diese die Gesellschaft und welche Gefahren bergen sie – das sind nur ein paar Fragen, die Zabels Arbeit aufwirft. Zudem macht die Videoarbeit in ihrer Visualisierung und Reinszenierung nicht nur einen Generationenkonflikt, sondern auch problematische Geschlechterrollen sichtbar. Dies tut sie ohne eine Vereinbarkeit der Pole anzustreben und so kann die Geschichte einer der wichtigsten Bewegungen Deutschlands, die eben auch kritisch reflektiert werden muss, neu verhandelt werden.

Die beiden benannten Videoarbeiten spannen somit ausgehend von Zeitzeug*innen und historischem Material aus den 1960er Jahren einen Bogen ins Jahr 2018, stimmen nachdenklich und machen uns alle (hoffentlich) ein bißchen mehr politisch. Somit zeigen sie auf gelungene Weise die Grundidee der gesamten Ausstellung, dass künstlerisch-revolutionäre Ideen in heutiger Zeit noch mehr denn je gebraucht werden.

2018: „Kunst“ und Kultur – 50 Jahre später…

Dass man das Jahr 1968 und das 50. Jubiläum in einem ganz anderen Diskurs präsentieren kann, berichtet auch das Journal Frankfurt. Im Artikel „Von der Revolte der Kunst“ heißt es zur Ausstellung: „Einen komplett anderen Weg geht die Ausstellung „Kunst der Revolte // Revolte der Kunst“, die mit einem umfangreichen Begleitprogramm neue Blickwinkel, neue Schlaglichter auf das Jahr 1968 und das, was sich in Frankfurt ereignet hat, werfen will. Die den Fokus verschiebt auf Akteure, die bislang möglicherweise nicht genug beachtet wurden. Und die vor allem das aufrührerische, gesellschaftliche und künstlerische Potential untersuchen will, das von 1968 bis in die Gegenwart hinein wirkt.“

Die Ausstellung ist noch bis zum 5. Mai 2018 zu sehen und in ein größeres Rahmenprogramm mit dem Titel „Revolte und Experiment“ eingebunden, das viele weitere spannende Veranstaltungen aufweist, die man auf der Webseite des Offenen Hauses der Kulturen findet. Im Grunde kann man sich nur dem Tipp des Schirn Magazins anschließen und den „Tauchgang in eine entrückte Vergangeheit“ bei einem Besuch der Ausstellung empfehlen!

 

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