„Ich-Maschine“ oder das Ego in der Kunsthalle: Zwei Ausstellungen rund um das ICH…

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Im Aufräumen meines Blogs habe ich noch folgenden Beitrag „gefunden“, den ich Euch nicht vorenthalten will. Das hat vor allem zwei Gründe:  zum einen, da es sich um die Besprechung zweier Ausstellungen handelt, die für mich das Ausstellungsjahr 2016 nachhaltig spannend gemacht haben (EgoUpdate wurde ja schon besprochen); zum anderen, da ich mich mit diesem Beitrag – bis auf zwei, drei Aktualisierungen und Änderungen –  (erfolgreich) Fortbildungsprogramm museion21 beworben habe:

Im Lied „Ich-Machine“ der Band Blumfeld dreht sich alles um die eigene Verortung, ob man weiß, wer man ist, und ob man sich, so wie man ist, gefällt. Ich möchte im Folgenden zwei Ausstellungen vergleichen, die sich im letzten halben Jahr mit der „Ich-Macine“, genauer gesagt mit der Inszenierung des Selbst, des Egos bzw. des Ichs beschäftigt haben. Nicht, dass Selbstreferentialität ein neues Sujet von Kunstausstellungen ist, aber die zeitliche Nähe der Präsentationen legen gewisse Gemeinsamkeiten nahe und zeigen zugleich einen Bedarf, das „Ich“ im Kontext der Medialisierung neu zu verorten. Dies betont auch Max Hollein im SCHIRN Magazin vom 1. März  2016: „Die Selbstinszenierung ist ein Massenphänomen einer Beeindruckungskultur geworden.“

Die erste Ausstellung rund um die Inszenierung des Ichs zeigte das NRW-Forum Düsseldorf zwischen September 2015 und Januar 2016 unter dem Titel „Ego Update. Die Zukunft der digitalen Identität“. Hierin dreht sich alles um den Einfluss der digitalen Medien auf das Selbst und die eigene Identität sowie um die Frage, wie  sich die Inszenierung des eigenen Ichs unter dem Einfluss der sozialen Medien wandelt.

Auch die zweite zu analysierende Ausstellung, „ICH“ in der Schirn Ausstellunghalle in Frankfurt am Main, dreht sich um das Ich und zwar das künstlerische. Die am 9.3. 2016 eröffnete Schau hat das Selbstporträt von zeitgenössischen und internationalen Künstler*innen in Performance, Fotografie, Malerei und Installation zum Thema. Das jahrhundertealte und durchaus erprobte Sujet, das (Selbst-)Porträt, wird in Zeiten der Digitalisierung neu positioniert.

It´s just me, myself and I

Im Jahr 2013 wurde „Selfie“ zum Wort des Jahres in England gekürt und in keinem anderen Begriff kreuzen sich wie in diesem, die Ideen der Selbstdarstellung, Selbstoptimierung und den Stereotypen der digitalen Medien. Laut Kurator der Ausstellung „Ego-Updtae“, Alan Bieber, habe nichts die Fotografie so verändert wie die digitale Revolution, die ein „Ich denke, also bin ich“ in ein „Ich fotografiere, ich dokumentiere, also bin ich“ gewandelt hat. Die Frage nach dem Finden und Darstellen der eigenen Identität beschäftigt den Menschen und insbesondere Künstler*innen schon seit jeher, aber in der beschleunigten Zeiten der Digitalisierung und Globalisierung ist der Moment des kurzen Festschreibens der eigenen Identität vielleicht noch wichtiger geworden. In Zeiten, in denen man alles sein und vieles verändern kann, beispielsweise muss man nicht mehr festlegen, welchem Geschlecht man angehört, ob man männlich, weiblich, trans- oder cisgender ist, sind momentane Zuschreibungen wichtige Ankerpunkte in unserer Zeit. Als ob der Mensch im ständigen Wechsel der Identitäten und Rollen wieder für einen kurzen Moment seiner Selbst eingedenk werde kann und diese Momentaufnahme braucht, noch mehr als früher, um sich selbst zu situieren. Aber auch hier handelt es sich um einen Trugschluss, ein Festhalten, das sich schon in der nächsten Sekunde wieder auflöst. Denn nach Drücken des Auslösers kommt in der heutigen Zeit durch Fotofilter und Bildbearbeitung nur auf der Oberfläche ein authentisches (Ab-)Bild zu Stande. Dieses kann man im Nachhinein nach den eignen oder gesellschaftlichen Vorgaben und Schönheitsidealen perfektionieren.

Dies zeigen in der Düsseldorfer Ausstellung „Ego-Update“ beispielsweise die Arbeiten von Robbie Cooper, der in „Alter Ego“ (2002-2007) in Doppelporträts Online-Spieler und ihre jeweiligen Avatare zur Seite stellt. Hier zeigt sich dann der Unterschied zwischen der gesellschaftlich festgeschriebenen Identität und derjenigen, die man sich selbst im Cyberspace gegeben hat.  Obwohl man davon ausgeht, dass die meisten Menschen die Freiheit des Netzes dazu nutzen sich selbst anders oder in den eigenen Augen besser passend zu inszenieren, sehen die Avatare erstaunlich oft  wie verwandte Versionen des eigenen Selbst aus. Auch Oliver Siebers Arbeiten „Character Thives“ (2005-2007) zeigt diesen Unterschied der „realen“ Umgebung und der digitalen Charaktere. Reale Personen werden auch hier mit ihren jeweiligen Alter Egos oder als ihre jeweiligen Alter Egos inszeniert: Cosplayer werden in ihren Kostümen gewandet in ihrer jeweils alltäglichen Umgebung, d.h. in ihrer Wohnung oder auf dem Weg zur Arbeit vom Künstler fotografiert. So verschwimmen in beiden Arbeiten die Grenzen zwischen analoger und die digitaler Selbstdarstellung.  Dieses Phänomen – und fast so etwas wie die Quintessenz der Ausstellung – zeigt auch die Arbeit von Amalia Ulman. Sie beschäftigt sich grundsätzlich mit Stereotypen von Macht und Selbstinszenierung, zu der in erster Linie auch Geschlecht und Körperlichkeit in Zeiten von Social Media gehört. Mit ihrer viermonatigen Performance „Excellences & Perfections“ (2014) erzählt sie eine „Bildergeschichte“ im Netz über den eignen Körper als Objekt, das Verändern und das Verlieren des eigenen Selbst – oder dessen, was man als solches ansieht. Selbstoptimierung und Perfektion wird der Spiegel aus Facebook- und Instagram-Likes vorgehalten. Wer hier keinen bestimmten Level erreicht, scheitert in der Inszenierung seines/ihres Selbst. Die im Nachhinein im Ausstellungsraum gezeigte Dokumentation der eigentlichen Echtzeit-Performance zieht die Besucher*innen in den Bann und lässt diese selbst zu Suchenden werden: Wer ist die  „wahre“ Amalia? Ist sie es oder das imaginäre Selbst der Performance, das sich die Haare färbt, Botox spritzen oder die Nase richten lässt? Wer postet den Fortgang der Selbstoptimierung auf den sozialen Plattformen? Im Grunde sollen diese Fragen nicht beantwortet werden. Sie zeigt uns nämlich vor allem auf, dass hinter der oberflächlichen Vernetzung mit Freunden Soziale Netzwerke ungeschönte Orte der Selbstdarstellung sind und für Künstler*innen eben Orte der Performance oder eines „Ego-Updtaes“.

Vom Verschwinden des ICHs 

Ist in Zeiten der Digitalisierung und des Selfie-Wahns eine Ausstellug wie „ICH“, in der internationale Künstler*innen ihre Positionen zum Selbstporträt zeigen, überhaupt noch zeitgemäß und sinnstiftend? Das Selbstporträt ist ein Genre, das in seiner Entwicklung nicht nur von Generationen von Künstler*innen erprobt, sondern geradezu überinterpretiert wurde. Seit Jahrhunderten erforscht der Künstler oder die Künstlerin das eigene Selbst und rückt sich bei der späteren Inszenierung in das richtige Licht. Diese Selbstbe- oder -erkenntnisse zeigen auf, dass sich das eigene Ich nur allzu oft aus vielen Teilen zusammen setzt, um doch schlussendlich kein Ganzes zu ergeben. Hierzu passt, dass das Gesicht als Ausdrucksmedium und Bühne des Selbst der Menschen verschwindet. Oder das Gesicht in Zeiten der visuellen „Überschwemmung“ durch die Massenmedien oder der Bearbeitung mithilfe von Photoshop oder auch mithilfe der Schönheitschirurgie neue Formen der Selbstdarstellung und -inszenierung mit sich bringen. Auch in dieser Ausstellung kommt der Fotografie, die die Malerei als Medium des Porträts abgelöst hat, eine Schlüsselrolle zu. Ebenso wie zweitere befreit sich auch die Fotografie im Laufe der Zeit von ihrem Hang zur Wiedergabe von Realität und rückt die Fragmentierung in den Mittelpunkt. Dies führt die Serie „Hotel“ (2003) von Eberhard Havekost vor, wenn er stets nur Teile seines Körpers abbildet, oder  Wolfgang Tillmans in „Lacanau (self)“ (1986), in dem er nur sein Knie abbildet, oder Jun Ahn, welche nie ihr Gesicht, sondern stattdessen Hals, Arme und Dekolleté zeigt. Die Tendenz, dass nicht mehr das Menschliche, sondern „Dinge“ für das eigne Selbst stehen oder als Seismograf für das Ich fungieren, zeigen Arbeiten, wie diejenige von Imi Knoebel, der nur Utensilien im Pappkarton als Selbst zeigt, oder Ryan Gander, der seine gebrauchten Farbpaletten als solches präsentiert. Die Dekonstruktion des klassischen Porträts und zugleich die Verschmelzung von Ding und Selbst findet ihren Höhepunkt in der Arbeit von Mark Leckey aus dem Jahr 2014, In seinen „Leckey Legs“ lässt der Künstler mithilfe eines 3-D-Druckers das originale Abbild seiner Beine dreidimensional ausdrucken. So steht der Künstler einerseits „hyperrealistisch“, aber andererseits kopflos im Ausstellungsraum und  zeigt, dass Selbst in Zeiten der neusten Technologien der Selbsterkenntnis und -darstellung am Ende doch nur Fragmente bleiben und man das Selbst nie ganz abbilden kann.  Trotz neuester Technologien und Möglichkeiten der Erforschung des Selbst – sowohl in physischer als auch psychischer Hinsicht – bis ins kleinste Detail, erteilen die Künstler*innen einer allumfassenden Wahrnehmung stets eine Absage. Obwohl in verschiedenen Arbeiten auf beinahe akribisch-wissenschaftliche Weise Stellvertreter eingesetzt werden, können diese stets immer nur punktuell authentisch sein. Ob in „Brain Portrait“ (1963) von Robert Morris, welches das Elektroenzephalogramm (EEG) seines Gehirns zeigt, oder beim „Selbstporträt“ (2015) von Alicja Kwade 22 chemische Substanzen, aus denen der menschliche Körper besteht, in Phiolen kristallisiert sind, es bleibt stets auch in den wissenschaftlichen Darstellungen die Distanz zu spüren. Im Dialog mit der Kunst bleiben Erkenntnisse der Wissenschaft nur flüchtige Spuren und momentane Festschreibungen, die das Selbst nur temporär wahrnehmbar werden lassen und darstellbar machen. Schon Michel Foucault und Roland Barthes weisen in ihren Theorien auf das Verschwinden des Menschen hin und auch darauf, dass das Selbst nicht mehr festschreibbar ist. Für die Moderne ist das Konzept der Inszenierung von Subjektivität sinnstiftend. Die konventionelle Idee des Porträts greift nicht mehr. Allerdings ist dies schon seit dem Angriff auf die festgeschriebenen Strukturen der 1960er Jahre klar. Dies zeigt auch die Ausstellung in ihren besonders intensiven Arbeiten der 60er bis 80er Jahre des 20. Jahrhunderts. In der Rückschau ist für das Heute und die Inszenierung des Selbst noch viel zu gewinnen. Zum Beispiel zeigt die Arbeit „Brustwerk“ (1973) von Friederike Pezol, in der sie in sechs verschiedenen Fotografien Hände weibliche Brüste fast schmerzhaft kneten und positionieren lässt. Neben der ins Auge springenden geschlechtlichen Pointierung des Selbst hat dieses Werk angesichts heutigen Femen-Aktivismus nichts an Relevanz und Aussagekraft verloren. Genauso brisant erscheint Birgit Jürgenssen Arbeit. Sie inszeniert den unbekleideten weiblichen Rücken, der die Inschrift trägt „Jeder hat seine eigene Ansicht“ (1975) als Leinwand. Hierbei durchkreuzen sich die Darstellung des Ichs und die damit untrennbar verbundene Wahrnehmung der Anderen im „Selbstporträt“ als Subversion mit Widerspenstigkeit, Witz und Ironie.

Spieglein, Spieglein an der Wand…

Die meisten der in Düsseldorf und in Frankfurt gezeigten Arbeiten thematisieren vor allem das Imaginäre im Selbst, das eigene Idealbild im Vergleich zum fremden und das Ein- oder Durchbrechen von Intimität sowie deren Grenzen. Sicher geht es auch manchmal nur um die bloße Selbstdarstellung, wie beim selbsternannten „#Selfiegott“ (2015) MC Fitti mit seiner Fitti-Bronzebüste plus Selfie-Arm. Aber auch die ironische Brechung der Selbstdarstellung, wie sie Erwin Wurms „Selbstporträt als Essiggurkerl“ (2010), in der Gurken unterschiedlichster Größe und Krümmung phallisch auf weißen Sockeln als Selbst inszeniert sind, darf mal sein. Auch wenn die Inszenierung des Ichs in der eignen Wahrnehmung vieler Menschen eine ernste Angelegenheit ist, halten uns beiden Ausstellungen, in ihrer Inszenierung von Selbstdarstellung und Fremdwahrnehmung einen Spiegel vor, der unsere Selbstwahrnehmung mit einem kleinen Augenzwinkern hier und da wieder zurecht rückt.

 

 

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