Auf den Kopf gestellt: „Goethe und die Dame in Blau – Köpfe der Goethe-Universität“

„Auf den Kopf gestellt“ heißt ja bekanntlich, dass nichts ist, wie es normalerweise ist und so auch der Fall bei „Goethe und die Dame in Blau – Köpfe der Goethe-Universität“, weil ich selten über Projekte berichte, an denen ich direkt mitarbeite. Da aber diese Kabinettausstellung, die noch bis einschließlich 28.08.2016 im Museum Giersch der Goethe-Universität zu sehen sein wird, mehr ist als es auf der ersten Blick scheint, ist es mir eine Herzensangelegenheit darüber zu berichten.

Unbekannter Künstler: Die Dame in Blau (Universitätsarchiv Frankfurt, Foto: Uwe Dettmar)

The Making Of – Vorbereitung und Aufbau

Bevor ich dazu komme, worum es in der Ausstellung geht und worin ihre Besonderheit liegt, wollte ich zunächst ein paar Impressionen vom Aufbau zeigen. Ich war froh, wieder einmal beim Aufbau einer Ausstellung mitarbeiten zu können: Vitrinen einrichten, Texte kleben, Exponate ausrichten – einfach alles für die spätere Präsentation und das Publikum  stimmig, aber auch „schön“ herrichten. Das hat mir schon während meines Volontariats immer besondere Freude bereitet und hat auch dieses Mal wieder Spaß gemacht. Es lag sicher an dem tollen Team, daher ein großes Dankeschön an alle, die mitgeholfen haben❤.

 Die Ausstellung – Köpfe der Goethe-Universität

Die Ausstellung „Goethe und die Dame in Blau“ zeigt die „Köpfe der Goethe-Universität“, wie der Untertitel verrät. Die Exponate entstammen der universitären Kunstsammlung, die neben Akten, Schriftstücken und Urkunden im  Universitätsarchiv Frankfurt (UAF) der Goethe-Universität beheimatet sind. Die hier gesammelten Kunstwerke, von denen ca. 40 Einzug in die Ausstellung gefunden haben, wurden und werden zum einen als Dekoration und Schmuck für die Räumlichkeiten der Hochschule verwendet; zum anderem erinnern sie jedoch in Form von Büsten oder Porträts an berühmte Persönlichkeiten der Goethe-Universität. Die Zurschaustellung dieser besonderen „Köpfe“ trägt zur Erinnerungskultur und Identitätsstiftung der Universität bei und spiegelt ihre besondere Geschichte wider. Als Stiftungsuniversität 1912 von der Frankfurter Bürgerschaft gegründet und 1914 eröffnet, ist sie im besonderen Maße dem „Andenken an die Stifterinnen und Stifter verpflichtet“, wie es im Einleitungstext zur Ausstellung heißt. Denn ohne „das Engagement und die Überzeugungskraft des damaligen Oberbürgermeisters Franz Adickes sowie der finanziellen Unterstützung seiner Mitstreiterinnen und Mitstreiter wäre die Gründung einer Hochschule in Frankfurt nicht möglich gewesen“.

Johann Josef Belz: Franz Adickes, 1915 (Universitätsarchiv, Foto: Uwe Dettmar)

In sechs Bereichen – Goethe als Namensgeber, Goethe als Marke, Stifter*innen, Wissenschaftler*innen, unbekannte oder dekorative Köpfe sowie Studierende – vollzieht die Ausstellung ausgehend vom Namensgeber der Hochschule deren über 100-jährige Entwicklung nach. Da die Geschichte der Goethe-Universität mit derjenigen von Frankfurt untrennbar verbunden ist, wird durch die berühmten „universitären“ Persönlichkeiten auch immer ein Stück Stadtgeschichte erfahrbar.  Die zum Teil noch nie gezeigten Exponate lassen die „Köpfe“ hinter der Goethe-Universität (und in der Frankfurter Geschichte) sichtbar werden und erinnern an deren herausragenden wissenschaftliche und auch gesellschaftliche Leistungen. Die Frankfurter Universität, die anlässlich des hundertsten Todestag nach dem berühmten Sohn der Stadt „Johann Wolfgang Goethe-Universität“ genannt wurde, weist in ihrer Geschichte aber auch mahnende Leerstellen auf. Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde die zunächst jüdisch geprägte Universität von jüdischen und politisch unliebsamen Menschen  – und auch von deren Andenken – „gesäubert“. So stehen die zerstörten und somit nicht mehr darstellbaren „Köpfe der Goethe-Universität“ aus den Zeiten des Nationalsozialismus und des 2. Weltkriegs für die vertriebenen und ermordeten Student*innen und Professor*innen und das an ihnen begangene Unrecht.

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Christian Daniel Rauch: Johann Wolfgang Goethe, Kopie nach dem Entwurf von 1820 (Universitätsarchiv Frankfurt, Foto: Uwe Dettmar)

In der Schau sowie in der Selbstdefinition der Frankfurter Universität ist Goethe sehr präsent. Urkunden, Briefe, aber auch Stempel, Siegeln oder Medaillen tragen das Konterfei des Universalgenies. Ob als älterer gesetzter Beamter, als stürmisch-drängender junger Dichter – wie ihn Frutiger im Logo der Universität darstellt – oder in Werken heutiger Künstler*innen, die sich mit seinem Abbild auseinandergesetzt haben, Goethe ist überall. 

Dennoch wird neben diesen Werken auch Exponaten unbekannter Künstler*innen und Provenienzen Raum gegeben, so z.B. der Dame in Blau oder Der Näherin. Dies trägt ungemein zum Charme der Ausstellung bei, da neben den bekannten Werken, auch die unbekannten in mehrfachem Sinn für „Köpfe“ stehen: Köpfe, die dargestellt sind; Köpfe, welche die Werke geschaffen haben; Köpfe, welche die Kunstwerke der Universität gestiftet oder geschenkt haben und viele mehr… Auch die wichtigste Gruppe der Hochschule, die Studierenden, finden Einzug in die Ausstellung. Ob durch das Matrikelbuch, in das sich der erste Student eingetragen hat, oder durch Fotografien der Studierendenausweise – es wird gezeigt, dass auch in den Anfangsjahren der Frankfurter Universität die Studierenden – wenn auch wenig an der Zahl im Vergleich zu den heutigen 46.000 – durchaus eine heterogene Gruppe waren.

Die exemplarischen Exponate der Ausstellung „Goethe und die Dame in Blau – Köpfe der Goethe-Universität“ zeigen uns zwar nur einen kleinen Auszug aus der über hundertjährige Geschichte der Goethe-Universität und den damit verbundenen Geschichten. Allerdings lädt die Schau dazu ein, sich weiter mit den „Köpfen“ der Frankfurter Universität auseinanderzusetzen.

Plakat

Unsere Mona Lisa – die geheimnisvolle Dame in Blau

Wir haben lange diskutiert, um wen es sich bei der der Ausstellung namensgebenden Dame in Blau handelt. Aufgrund ihrer Schönheit und Unbekanntheit brachte ich den Vergleich zur Mona Lisa ins Spiel, der nun häufige Verwendung findet. Da es sich bei der Mona Lisa um ein Gemälde handelt, mit dessen Interpretation, Rezeption und „Verschleiß“ als Kulturobjekt ich mich lange beschäftigt habe, schwingt hierbei natürlich eine gewisse Ironie mit. Dieses Augenzwinkern hat der Kurator der Ausstellung und Referent der Kunstsammlung, mein lieber Kollege Enrico Dunkel, mit einem Augenzwinkern aufgenommen: Wäre es für Frankfurt und die Goethe-Universität doch besonders schön, eine eigene geheimnisvolle Dame zu haben. Mehr über die „Geheimnisse“ der Ausstellung und seine Tätigkeit im Universitätsarchiv der Goethe-Universität bringt das folgende Interview mit Enrico Dunkel  (ED):

Was zeigt Goethe und die Dame in Blau?

ED: Die Ausstellung zeigt einen Ausschnitt der universitären Kunstsammlung. Die Exponate zeigen oder stehen für die Menschen, die die Universität geprägt haben – Stifter, Denker und Studenten. Hinter jedem Objekt, steckt Geschichte und Geschichten, die es zu erzählen gilt.

Wer sind die bedeutenden Köpfe?

Goethe als Namensgeber ist sicherlich der prominenteste Kopf. Adickes und Merton als „Gründungsväter“ der Universität. Paul Ehrlich und Friedrich Dessauer als herausragende Forscher der Hochschule. Daneben aber auch unbekannte Köpfe – Die Dame in Blau, als ein wunderbares Werk aus der Sammlung. Die Studierenden als Essenz der Universität – hier die VIPs Marion Gräfin Dönhoff, Gisele Freund etc.

Wie bist du auf die Idee gekommen?

ED: Ehrlich gesagt bei einem Kaffee und einer Zigarette vor dem Juridicum in der Sonne. Als ich überlegt habe, was wir zeigen könnten, sind mir die Büsten und Porträts in den Sinn gekommen – womit lässt sich eine Ausstellung bestücken, was haben wir in der Art noch nicht gezeigt? Durch das Thema „Köpfe“ ließ sich eine Verbindung von den Porträts und Büsten zu den Siegeln und den Studierendenkarten herstellen. Viele Exponate waren so noch nie in einer Ausstellung zu sehen und jedes Objekt steht für Köpfe…

Was ist dein Lieblingsexponat und warum?

ED: Die „Dame in Blau“ und der Ming-Kopf. Unsere „Mona Lisa“: es ist einfach ein wunderschönes Werk! Dadurch, das wir nichts wissen, hat sie etwas Geheimnisvolles, das dazu anregt, zu fantasieren: Wer ist sie? Woher kommt sie? Der Ming-Kopf: einfach ein tolles Objekt!

Unbekannter Künstler: Kopf aus der Zeit der Ming-Dynastie, ca. 16. Jhd.(Universitätarchiv Frankfurt, Foto: Uwe Dettmar)

Wie sieht der Alltag des Referenten für die Kunstsammlung aus? Und was ist Deine Aufgabe?

ED: In erster Linie die Objekte zu betreuen und Sorge zu tragen, das sie für die nächsten Generationen bewahrt werden. Restaurierung etc. Aber auch Provenienzforschung … mühsam sich durch Kilometer Akten zu kämpfen… Leihanfragen für Ausstellungen zu prüfen und gegebenenfalls Objekte zur Verfügung zu stellen. Ideen für Ausstellungen zu sammeln.

Was ist Dein nächstes Projekt?

ED: Noch geheim!🙂 Die Sammlung hat gerade Werke geschenkt bekommen und es kommen demnächst wohl noch einige hinzu. Aber ein Projekt, das ich verwirklichen möchte:  Gerne würde ich um das Werk Georg Hecks im Casino eine kleine Ausstellung zusammenstellen. Viele kennen das Wandgemälde und seine Geschichte nicht. Hier möchte ich Werke Hecks um eine Videoinstallation, die die Freilegung des Gemäldes (unter den Nazis übermalt) zeigt, ausstellen.

MGGU und der Blick in die Zukunft des Universitätsmuseums

Das heißt, man darf weiterhin gespannt bleiben, was im „neuen“ Universitätsmuseum in Zukunft zu sehen sein wird. Wo wir nun schließlich auch zur Besonderheit der jetzigen Ausstellung gelangen. Die Schau steht – nicht nur weil sie Goethe im Namen trägt – sinnbildlich für das neue Programm des Museums Giersch der Goethe-Universität, kurz MGGU. So heißt es nämlich in dem vom Beirat des Museums verabschiedeten „Mission Statement„, dass sich das Museum als „Fenster der Universität zur Stadt Frankfurt und der Rhein-Main-Region“ versteht. Das bisher erfolgreiche Profil des Hauses wird somit um eine weitere Facetten gestärkt: es sollen Ausstellungsprojekte entstehen, welche „in konzeptionell und kuratorisch enger Zusammenarbeit von Fachleuten des Museums und der Stiftungsuniversität mit ihren Fachbereichen und Studierenden“ erarbeitet werden. Das Museum, so heißt es in dem Strategiepapier weiter, soll „als Schauplatz von Ausstellungsprojekten“ dienen, „in denen bedeutsame Aspekte des wissenschaftlich-intellektuellen Lebens der Goethe-Universität exponiert werden“. Auf diese Weise sollen Themen und Exponate aus Lehre und Forschung einer breiten Öffentlichkeit präsentiert werden. Schließlich bietet das Museum für die Goethe-Universität eine einzigartige Möglichkeit, Wissenschaft interessant und anders darzustellen. Geplant ist, dass sich die Goethe-Universität in einem „innovativen und zukunftsweisenden Sektor im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Museum“ profiliert. Neben „Goethe und die Dame in Blau“ , welche den Besucher*innen einen Einblick in eine der über 40 Sammlungen der Goethe-Universität gewährt,  sind weitere universitäre Ausstellungsprojekte, wie z.B. „Kunst der 50er Jahre“ im Jahr 2017, geplant. 

Das heißt, wir dürfen gespannt bleiben, was uns das MGGU in Zukunft zeigen wird und welchen Platz es sich am Frankfurter Museumsufer und in der musealen Wahrnehmung in den nächsten  Jahren erobert.  

Das neue Logo des Museums Giersch der Goethe-Universität.

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