It´s just me, myself and the Internet – „#EgoUpdate. Die Zukunft der digitalen Identität“

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Das NRW-Forum Düsseldorf hat zwischen September 2015 und diesem Wochenend dem Einfluss der digitalen Medien auf das Selbst und die eigene Identität eine Ausstellung gewidmet. In „Ego Update. Die Zukunft der digitalen Identität“ wird über die Arbeiten zahlreicher Künstler*innen der Frage nachgegangen, wie sich die Inszenierung des eigenen Ichs unter dem Einfluss der „sozialen“ Medien wandelt. Im Jahr 2013 wurde „Selfie“ zum Wort des Jahres in England gekürt und in ihm, wie in keinem anderen Begriff unserer Zeit, durchkreuzen sich die Ideen der Selbstdarstellung, Selbstoptimierung und den Stereotypen der digitalen Medien. Wie der Kurator der Schau Alan Bieber in seinem Vorwort zum Ausstellungsflyer schreibt, habe nichts die Fotografie so verändert wie die digitale Revolution und aus dem (Grund-)Satz „Ich denke, also bin ich“ sei ein „Ich fotografiere, ich dokumentiere, also bin ich“ geworden. Die Frage nach der eigenen Identität ist schon sehr alt. Allerdings ist in den beschleunigten Zeiten der Digitalisierung und Globalisierung der Moment des Innehaltens vielleicht noch wichtiger geworden: als ob man für einen kurzen Moment wieder zu sich selbst findet und als ob man diese Momentaufnahmen noch mehr braucht als früher, um sich selbst zu situieren… Aber natürlich – Filter und Bildbearbeitung sei Dank – müssen wir uns nicht authentisch präsentieren, sondern können uns selbst „bearbeiten“ und nach den eignen oder gesellschaftlichen Vorgaben und Schönheitsidealen perfektionieren. Somit geht es in der Ausstellung auch immer um Imaginäres, um das Idealbild, um das Ein- oder Durchbrechen der Intimität und manchmal einfach auch nur um die bloße Selbstdarstellung – mit einem Augenzwinkern gegenüber dem Medium Internet, mit seinen Fans, Followern und Hatern.

Einige der Kunstwerke von #EgoUpdate greife ich im Folgenden heraus, weil sie entweder genau das treffen, was zuvor beschrieben wurde, oder weil sie mich schlicht beeindruckt haben.

MARTIN PARR: „Autoportraits“, 1991-2012 und „Photobooth“, 2015″

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Martin Parr lässt sich seit Jahren, wo immer er sich auf Reisen befindet, von ansässigen Fotografen inszenieren, wobei er das jeweilige Setting den Fotografen überlässt. Hier können dann schon mal ganz interessante und für das westliche Auge sehr ungewöhnlich in Szene gesetzte Impressionen entstehen.

martinpaar.com

ROBBIE COOPER: „Alter Ego“, 2002-2007

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Robbie Cooper hat in Doppelporträts Online-Spieler und ihre jeweiligen Avatare gegenüber oder auch einfach nur nebeneinander gestellt. Zum Teil sind die jeweiligen Alter Egos das genau Gegenteil des realen Erscheinungsbilds, aber oft sehen sie auch wie verwandte Versionen des eigenen Selbst aus.

Weitere Informationen

OLIVER SIEBER: „Character Thieves“, 2005-2007

In dieser Bilderserie wurden die realen Personen auch mit ihren Alter Egos bzw. als ihre jeweiligen Alter Egos inszeniert: Cosplayer wurden hier in ihrer jeweils alltäglichen Umgebung, d.h. in ihrer Wohnung oder auf dem Weg zur Arbeit, aber in den Kostümen aus Mangas, Animes, Computerspielen von Oliver Sieber fotografiert.

os66.de

JONAS UNGER: „Autoportraits“, 2010-heute

Jonas Unger hat seit 2010, noch bevor das Selfie ein Massenphänomen wurde, berühmte Persönlichkeiten, Künstler, Schauspieler und Celebrities gebeten mit einer QuickSnap-Kamera sich selbst abzulichten. Die hierbei entstandenen Porträts sind überraschend natürlich, vielleicht weil ihr besonderer Charme darin besteht, dass sie eben nicht wie auf dem Mobiltelefon nachbearbeitet werden können.

jonasunger.wordpress.com

LAUTERBO AVEDON: „Untextured Self-Portraits“, 2015

avedon

Lauterbo Avedon ist eine Künstlerin, die nur im Netz existiert. Das imaginäre Selbst eines weiblichen Avatar, der wunderbar in das Ausstellungskonzept von „Ego Update“ passt, thematisiert in ihren Werke auch immer das Nicht-Körperliche, das Künstlich-Körperliche und die virtuelle Urheberschaft. In der vorliegenden Selbstprorträt-Serie zitiert sie beispielsweise Vermeer oder huldigt (unser aller Idol) der Begründerin des „CyborgManifesto“ Donna Haraway.

turboavedon.com

ALISON JACKSON: „Confidential“, 2010-2015

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Die Britin thematisiert mit ihren Fotografien den brennenden Wunsch der Zuschauer*innen einen Blick hinter die Kulissen und in das Privatleben von Celebrities zu werfen. Obwohl die Aufnahmen reine Fiktionen sind, erinnert ihre Ästhetik an Paparazzi-Aufnahmen und sie gewähren uns zum Teil wirklich intime Einblicke (wobei in meiner Vorstellung die Königin von England allerdings nie auf die Toilette geht).

alison-jackson.co.uk

AMALIA ULMAN: „Excellences & Perfections“, 2014

amalia

Die für mich beeindruckendste Arbeit der gesamten Ausstellung stammt von der Künstlerin Amalia Ulman. Sie beschäftigt sich in ihren Arbeiten mit Stereotypen, Macht, Selbstdarstellung, aber auch Geschlecht und Körperlichkeit in Zeiten von social media. Mit ihrer viermonatigen Performance „Excellences & Perfections“ erzählt sie eine „Bildergeschichte“ im Netz über den eignen Körper als Objekt, das Verändern und Verlieren des Selbst – oder dessen, was man als das eignen Selbst ansieht – in der Suche nach Selbstoptimierung und Perfektion mit vorgehaltenem Spiegel aus Facebook- und Instagram-Likes und Kommentaren. Wenn man dann die Dokumentation der Performance auf dem Screen verfolgt, ist man immer wieder versucht, die wahre Amalia hinter der Künstlerin zu suchen: ist sie es oder das imaginäre Selbst der Performance, das sich die Haare färbt, Botox spritzen lässt oder die Nase richten? Im Grunde sollen diese Fragen nicht beantwortet werden, aber sie sollen dazu anregen die Plattformen mehr als das zu sehen, was sie neben der netten Vernetzung mit Freunden eigentlich sind, nämlich Orte der Selbstdarstellung und für Künstler*innen Orte der Performance.

amaliaulman.eu

DIRK WITEK A.K.A.: MC FITTI: „#Selfiegott“, 2015

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Der deutsche Rapper MCFitti, dessen Markenzeichen der lange Bart und eine verspiegelte Sonnenbrille ist, lebt im wahrste Sinne des Wortes die digitalen Medien. Er inszeniert sich auf allen Plattformen, fotografiert und filmt sich selbst, um sich am Ende dann wieder viral zu vermarkten. Also im wahrsten Sinne des Wortes: ein #Selfigott. Dieser Idee huldigt auch die Fitti-Bronzebüste mit Selfie-Arm, die neben einer Performance vor Ort sein Beitrag für „Ego Update“ geworden ist.

mcfitti.de

Leider ist dies nur ein kleiner Ausschnitt einer gelungenen Ausstellung, die zum einen die Phänomene des digitalen Zeitalters künstlerisch sehr gut in Szene setzt und zum anderen zum (Nach-)Denken der eigenen Inszenierung anregt. Wer die Ausstellung verpasst hat und wen das Thema auch weitergehend interessiert, dem lege ich den Ausstellungskatalog „Ego Update“ ans Herz (ISBN 978-3-86335-831-0). Dieser ist nicht nur ästhetisch toll aufbereitet, sondern bietet neben einem Überblick zu den in der Ausstellung gezeigten Werken und Künstler*innen noch Denkanstöße von Kritiker*innen und Theoretiker*innen zu diesem Thema.

Und weil es so schön war und er „es wie kein anderer kann“ zum Abschluss noch ein Video vom #Selfiegott MCFitti🙂

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