Kunst, Kunst, Kunsthalle – Teil 1: Bundeskunsthalle in Bonn

KARL WHO?

Anfang Juli fuhren wir nach Bonn in die Bundeskunsthalle, um uns die Ausstellung „Karl Lagerfeld. Modemethode„, die noch bis 13.9.2015 gezeigt wird, anzusehen. Was den Besucher_innen präsentiert wird, ist keine chronologische Entwicklung des sechzigjährigen Schaffens oder ein Gesamtüberblick über das Lebenswerk des größten deutschen Modemachers. Vielmehr wird das Phänomen „Karl Lagerfeld“ punktuell beleuchtet und zwar anhand der großen Modelabels, die er mitkreiert und denen er „Leben eingehaucht“ hat. Sein Genie, seine Handwerkskunst und sein enormes Wissen wird für immer in der Mode von Chloé, Fendi, natürlich Chanel und im eigenen Label Karl Lagerfeld Bestand haben.

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Lady Amanda Harlach ist zugleich Muse, Vertraute und das „zweite Paar Augen“ von Karl Lagerfeld. Sie wurde vom Modemacher selbst gebeten, gemeinsam mit dem Intendanten der Kunsthalle, die Ausstellung zu kuratieren. Sie betont, dass die Ausstellung eine Atmosphäre erschaffen möchte, die Lagerfelds (Moder-)Methode und seine Kongenialität vermittelt. Dabei spielt Papier eine sehr wichtige Rolle. Alles beginnt auf dem Papier und mit der ersten Skizze. Lagerfeld ist dafür bekannt, dass er noch immer selbst zeichnet, was wiederum für sein Talent und seine berühmte eiserne Disziplin spricht. Nach der Vision auf Papier wird das Kunstwerk in Materialien gegossen und Mode entsteht. Schließlich, nun kommt die Rückkehr zum Papier, hat sich Karl Lagerfeld schon seit Langem angewöhnt, seine Kollektionen selbst zu fotografieren – und so gießt er am Ende die Mode in ein weiteres Kunstwerk auf „Papier“…
Papier zieht sich tatsächlich durch die gesamte Ausstellung. Es beginnt mit der Inszenierung des kreativen Schaffensprozess, der seinen Beginn an Karl Lagerfelds Schreibtsch nimmt. Hier inspiriert von Literatur, Musik, Geschichte werden die Ideen zu Papier gebracht. Der nächste, sehr große Raum ähnelt mit der Illusion von Beton, kleinen Graffitis an den Wänden und Gehwegen eher einer Straße als einem Museumsraum. Es kommt ein weiteres Prinzip von Lagerfelds Arbeit zum Tragen: Mode gehört zum täglichen Leben, Mode gehört auf die Straße. Mode darf nicht leblos und bloß inszeniert sein, sondern sie muss getragen und belebt werden. Dies zeigen dann verschiedene Aspekte von Lagerfelds Inspiration und Entwicklungen für die vier Modelabels auf, z.B. seine Modernisierung des Tweeds bis hin zu seiner Interpretation der Mode des 18. Jahrhunderts.

Der letzte Raum der Ausstellung heißt „Paper World“ und ist der Chanel Couture gewidmet. Jeder, der Mode liebt oder speziell Karl Lagerfeld verehrt, wird hier Gänsehaut und feuchte Augen bekommen. Als Besucher_in bewegt man sich durch Kleiderpuppen, an denen die großen, ausgewählten Kleider und Hochzeitsroben von 1986 bis 2014/15 inszeniert sind, und durch Papier… Papier, das in Spiralen und Strängen, ausgestanzt und verdreht, gleichsam zur Decke schwebt, sich vom Boden erhebt, Schatten wirft, durch- und beleuchtet wird und in Kombination mit den Stoffen und Materialien von Lagerfelds kongenialer Mode einen zauberhaften Raum erschafft – aus dem man gar nicht mehr heraus möchte. Die Künstlergruppe Wanda Barcelona inszeniert Papier und hat für die Ausstellung dieses Kunstwerk und die Rauminstallation gefertigt. Dieser Raum kehrt auf märchenhafte Weise wieder zum Papier zurück unterstreicht erneut, was die Kuratorin der Ausstellung über Lagerfelds Genialität und Schaffensprozess ausdrücken möchte: From Paper to Paper.

Die deutsche Vogue hat die Schau als Tipp besprochen und ihr sogar eine Spezialausgabe in Zusammenarbeit mit Lagerfelds bevorzugtem Verlag, dem Steidl Verlag, gewidmet. Die Sonderausgabe kann man anstatt eines Ausstellungskatalog in der Buchhandlung der Kunsthalle erwerben und sie schafft es ganz besonders gelungen die Atmosphäre der Ausstellung und die dort gezeigte Mode in ein Journal zu überführen.

Zudem kann man als Besucher_innen eine App zur Ausstellung nutzen, die über Crasp, Crafted Coding, funktioniert: den Nutzer_innen wird hierbei Inhalt über die Ausstellung hinaus vermittelt, indem ihnen 150 ausgesuchte Fragen zur Ausstellung, Mode und rund um Karl Lagerfelds Arbeit(en) beantwortet werden… beispielsweise, dass er ca. 300.000 Bücher und 6.000 CDs besitzt, wozu ihn Amy Winehouse inspirierte, was die Liebe seines Lebens und „Karl Daily“ ist.

So zeigt die Ausstellung sowie ihre begleitenden Medien im wahrsten Sinne des Wortes die „Modemethode“ von Karl Lagerfeld. Dies ist aber nur ein kleiner Ausschnitt des Phänomens „Karl Lagerfeld“ – eines Modemachers, Künstlers und Genies voller Inspiration und Kreation.

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KAUM „ÄRGER IM PARADIES“

Durch die gesamte restliche Bundeskunsthalle außerhalb des Sonderausstellungsbereichs zieht sich zudem noch bis 11. Oktober diesen Jahres die Ausstellung „Ärger im Paradies„. In dieser Schau werden 14 Künstlerinnen und Künstler präsentiert, die sich mit ihren an der schon aus dem Paradies bekannten schwierigen Grenzlinie zwischen Natur und Zivilisation bewegen. Es dreht sich somit um die immer gleichen Fragen: Wie oder was ist Natur? Was oder wie ist Kultur? Und „natürlich“ wo verortet sich der Mensch in diesem Spannungsfeld?

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So wird in den verschiedenen künstlerischen Positionen die Unausweichlichkeit der Konfrontation mit Natur und Kultur beleuchtet. Die Arbeiten setzen genau da an, wo Reibungspunkte und Verstörung bestehen und stoßen die Besucher_innen – teils spielerisch und laut, teils leise und sensibel – auf die Auseinandersetzung mit der (eignen) Natur und (gemachten) Kultur. Der Intendant der Bundeskunsthalle, Rein Wolfs, betont in der Einleitung zum begleitenden Ausstellungsbüchlein, dass die Werke in die Idylle eingreifen, den öffentlichen Raum verzaubern und „bewusst die Reibung, aber auch die Verführung und Verlockung“ suchen. Besonders gelungen fand ich, dass sich die Präsentation der Installationen von „Ärger im Paradies“ durch die gesamte Ausstellungshalle gezogen haben, von außen nach innen, über jedes Stockwerk bis zum berühmten Dachgarten – um die Allgegenwärtigkeit der Kategorien Natur und Kultur zu zeigen. Drei besonders beeindruckende Kunstwerke, v.a. aufgrund ihrer Interaktivität, seien hier kurz vorgestellt:

Michael Beutler, Ballernte, 2014
Auf dem Rasen des Dachgartens sind 18 „Heuballen“ aus farbigen Strohhalmen verteilt und laden die Besucher_innen zur individuellen Benutzung und Interaktion, wie z.B. Sonnen, Liegen, Ausruhen, Springen, Fotografieren usw., ein.

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Ripkrit Tiravanija, O.T. (Troble in Paradies), 2015
Auf vier Spiegelplatten liegen einfache weiße T-Shirts mit verschiedenen (Sinn-)Sprüchen, die Besucher_innen mitnehmen können und dadurch die Botschaft des Künstlers aus der Kunsthalle hinaus und in ihr Leben hineintragen.

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Ina Weber, Trümmerbahnen-Minigolf, 2010

In einer erfunden, aus der Zeit gefallenen Trümmerlandschaft, die zu einer Minigolfanlage inszeniert ist, können die Besucher_innen sich an die Freuden des Spiels erinnern und es selbst ausprobieren.

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FAZIT

Beide Ausstellungen – sowohl „Modemethode“ als auch „Ärger im Paradies“ – sind absolut zu empfehlen und für mich persönlich echte Highlights im Ausstellungssommer.

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