„Ich sehe wunderbare Dinge“ – 100 Jahre Sammlungen der Goethe-Universität

Klavierrolle Ducartist, Frühlings Erwachen von Emanuel Bach, Klavierrollensammlung – Institut für Musikwissenschaften (Foto: Tom Stern, Copyright: Marketing und Kommunikation, Goethe-Universität)

Klavierrolle Ducartist, Frühlings Erwachen von Emanuel Bach, Klavierrollensammlung – Institut für Musikwissenschaften (Foto: Tom Stern, Copyright: Marketing und Kommunikation, Goethe-Universität)

INTRO
Die Jubiläumsausstellung „Ich sehe wunderbare Dinge – 100 Jahre Sammlungen der Goethe-Universität“ eröffnet anlässlich des Universitätsjubiläums einen Blick in die Schatzkammern der Goethe-Universität. Dass es sich um wahre und wunderbare Schätze handelt, zeigt deutlich der Titel der Ausstellung, welcher die berühmten Worten des Archäologen Howard Carter zitiert, als dieser 1922 das erste Mal in das Grab von Tutenchamun blicken durfte. Die Kuratorinnen unter der Leitung von Dr. Charlotte Trümpler öffnen in der Schau jedoch nicht nur den Blick für die Besonderheiten der Goethe-Universität, sondern zeigen zudem auch deren gesamtes wissenschaftliches Spektrum und wie es sich in den über 40 wissenschaftlichen Sammlungen niederschlägt. In der Zeit zwischen dem 19.10.2014-08.02.2015 können sich die Besucher_innen des Museums Giersch den facettenreichen universitären Sammlungen annähern und deren viele „wunderbare Dinge“ entdecken.
Sicher kann man in den verschiedenen Kabinetten, in das sich das bespielte Haus Giersch einteilt, nur einen Ausschnitt aus den Millionen von Objekten zeigen, die sich im Besitz der Universität und in verschiedenen Kellern, Archiven oder Institutsräumen befinden. Dennoch bietet die Ausstellung das „dingliche Reservoir der aktuellen und historischen Forschung“ wie es in der Einleitung zum Ausstellungskatalog heißt. Objekte erzählen hier Geschichten und Geschichte und sind zum Teil das erste Mal einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich.

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Aggressiver Krebs, Charybdis feriata, Kap Muroto, Japan, Sammlung Crustaceen – Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung (Foto: Tom Stern, Copyright: Marketing und Kommunikation, Goethe-Universität)

Aggressiver Krebs, Charybdis feriata, Kap Muroto, Japan, Sammlung Crustaceen – Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung (Foto: Tom Stern, Copyright: Marketing und Kommunikation, Goethe-Universität)

DIE AUSSTELLUNG UND IHRE ENTSTEHUNG
Initiiert wurde die Ausstellung durch die Studiengruppe „Sammeln, Ordnen, Darstellen“, die am Forschungszentrum für Historische Geisteswissenschaften verortet ist und die seit einigen Semestern „Sammeln und Sammlungen“ zum Thema der universitären Lehre gemacht hat. Somit stand am Beginn das wichtige universitäre Thema der „Lehre“ sowie die Neugier von Studierenden und Dozent_innen, zu ergründen, was es mit dem Wechselspiel von Objekten der universitären Sammlungen in Forschung und Vermittlung auf sich hat. Als das Universitätsjubiläum geplant wurde, entstand als logische Konsequenz die Idee einer Ausstellung zu diesem Thema. Die Ergebnisse der Studiengruppe flossen später nicht nur in die Ausstellung ein, z.B. in den von Studierenden verfassten „Objekterzählungen“, sondern bildeten auch die Grundlage einer die Ausstellung begleitenden (und hoffentlich überdauerende) Online-Plattform zu den Sammlungen der Goethe-Universität: www.sammlungen.uni-frankfurt.de

Sammlung des Instituts für Rechtsmedizin, Uniklinikum (Foto: Tom Stern, Copyright: Marketing und Kommunikation, Goethe-Universität )

Sammlung des Instituts für Rechtsmedizin, Uniklinikum (Foto: Tom Stern, Copyright: Marketing und Kommunikation, Goethe-Universität )

DIE UNIVERSITÄT UND IHRE SAMMLUNGEN
Die Ausstellung „Ich sehe wunderbare Dinge“ zeigt im wahrsten Sinne des Wortes alle Facetten und das gesamte Spektrum der Universität. Sie ist universitätsumspannend, alle Standorte der Goethe-Universität sind mit einbezogen: Medizin, Geistes-, Gesellschafts- und Naturwissenschaften, alle 16 Fachbereiche mit ihren vielen Instituten, diverse Kooperationspartner, An-Institute oder Gründungsinsitutionen, wie z.B. das Senckenberg. Sie alle sind in der Ausstellung zu finden und/oder waren an ihrer Entstehung beteiligt. In ihrem Universitätsjubiläum verfolgt die Goethe-Universität zudem das Ziel, sich weiter als Bürgeruniversität zu etablieren, sich auf ihre wissenschaftlichen Gründungsinstitutionen zu besinnen und sich mit der Stadt Frankfurt noch intensiver als bisher zu vernetzen. Diese Ziele konnten allesamt in der Ausstellung zu den Universitätssammlungen realisiert und an ein breiteres Publikum vermittelt werden. Zudem fungieren die Sammlungen samt ihrer Exponate als Zeitzeugen und zeigen den Besucher_innen nicht nur die schönen Seiten der Wissenschaft, Forschung und Lehre auf. Auch die Verbrechen von Krieg, Tyrannei und Nationalsozialismus werden nicht ausgespart. Aber nicht nur weltgeschichtlich bedeutende, sondern auch schlicht universitärhistorische Einschnitte wie z.B. die Umzüge und Umlegungen der neuesten Zeiten, finden ihren Niederschlag im Werdegang verschiedener Sammlungen. Während einige neuen Raum bekommen, um sich zu entfalten, verschwinden andere vollkommen aus der Wahrnehmung, werden im Kisten verpackt und enden auf dem universitären Dachboden. So ist auch der heutige Umgang mit den Sammlungen von Institut zu Institut, von Fachbereich zu Fachbereich unterschiedlich. Während einige Sammlungen „weiterhin ein aktives Lehr- und Forschungsmedium“ sind, haben andere „eher wissenschaftshistorischen Wert für das eigene Fach“ oder gewinnen zum Teil sogar „in anderen Disziplinen eine ganz andere (Be-)Deutung“.

10.	Sammlung verschiedener Getreidearten, Archäobotanische Vergleichssammlung - Institut für Archäologische Wissenschaften (Foto: Tom Stern, Copyright: Marketing und Kommunikation, Goethe-Universität)

Sammlung verschiedener Getreidearten, Archäobotanische Vergleichssammlung – Institut für Archäologische Wissenschaften (Foto: Tom Stern, Copyright: Marketing und Kommunikation, Goethe-Universität)

WARUM EINE AUSSTELLUNG ZU DEN UNISAMMLUNGEN
Das Jubiläum einer Universität bietet eine gute Gelegenheit, die eignen Sammlungen und unzähligen Objekte zu zeigen. Dies tat beispielsweise auch die Universität Göttingen mit der Ausstellung „Dinge des Wissens„, als sie 2012 275 Jahre alt wurde, oder Berlin, das mit „WeltWissen“ das Dreihundertjährige seiner Wissenschaftsinstitutionen feierte. Zu den zahlreichen Ausstellungen kommen neben der Herausbildung von Universitätsmuseen auch neue Forschungszentren, die sich materieller Kultur in universitären Sammlungen oder dem akademischen Sammeln an sich verschrieben haben. Als Vorreiter in Deutschland muss hier das Helmholtz-Zentrum „Kulturtechnik“ an der HU Berlin benannt werden das sich mit wissenschaftlichen Sammlungen und dem universitären Sammeln beschäftigt. Aber auch international ist das Thema der universitären Sammlungen und Museen ein Dauerbrenner, so hat z.B. der internationale Zusammenschluß der Museen ICOM eine eigene Untergruppe UMAC (University Museums and Collections), die sich ausschließlich mit Universitäten und ihren Sammlungen befasst. Auch in Zukunft wird dies sicher ein wichtiges und spannendes Thema für Forschungen und Ausstellungen bleiben – zumal in den Sammlungen, ihrer Herkunft und Zukunft nicht nur die Kulturgeschichte einer Fachrichtung oder einer wissenschaftlichen Disziplin, sondern oftmals einer ganzen Institution oder einer Stadt ablesbar ist.

Raumansicht "Neugier" oder "Der Blick nach Innen" (Foto: Uwe Dettmar, Copyright: Marketing und Kommunikation, Goethe-Universität)

Raumansicht „Neugier“ oder „Der Blick nach Innen“ (Foto: Uwe Dettmar, Copyright: Marketing und Kommunikation, Goethe-Universität)

DIE BESONDERHEIT DER GOETHE-UNIVERSITÄT
Die Kuratorinnen der Ausstellung „Ich sehe wunderbare Dinge“ haben bewusst auf eine chronologische Reihenfolge und die rein wissenschaftliche Präsentation der Themen verzichtet. Neu und anders ist, dass die Objekte aus den unterschiedlichsten Sammlungen nach Themenbereichen geordnet sind. Sicher auch ein Umstand der zum Teil der Unterbringung der Ausstellung im Museum Giersch und dessen vielen kleinen Räumen über insgesamt drei Stockwerke geschuldet ist. Hier befruchten sich allerdings Form und Inhalt auf eine gute Weise, so dass die zum Teil extrem unterschiedlichen Objekte verschiedener Sammlungen einem Oberthema zugeordnet werden. Die Bereiche sind neben dem unverzichtbaren Intro – das die Superlative bzw. das größte, kleinste, älteste usw. Exponat zeigt – Neugier, Glaube, Köpfe, Idealbild, Bewegung, Emotionen, Protest, Gewalt, Tod, Zeit, Wanderung und Kaffee. Der letzte Raum wurde von Studierenden mitgestaltet und gilt bei vielen Besucher_innen als derjenige, der durch die untrennbare Verbindung von Kaffee und Universität, das Leben an der Hochschule in seiner Reinkultur beschreibt (zudem kann man sich in diesem Teil der Ausstellung nach dem Besuch bei einem selbst gezapften Kaffee entspannen).
In allen genannten Bereichen der Ausstellung werden die unbelebten Objekte der Sammlung neu belebt. Völlig andere Bezüge werden zwischen den Dingen geschaffen und durch die thematische Neuordnung sind die Exponate spannungsvoll aufgeladen – eine Spannung, die die Besucher_innen in jedem Raum deutlich spüren können. Zudem wird man durch die neuen Verbindungen zwischen den unterschiedlichen Disziplinen und Arbeitsfeldern sowie durch die „neue(n) Objektensembles“ angeregt, ungewöhnliche Entdeckungen bezüglich des „Eigensinn(s) der Objekte“ zu machen (siehe dazu: Einleitung des Katalogs).

Raumansicht "Köpfe" (Foto: Uwe Dettmar, Copyright: Marketing und Kommunikation, Goethe-Universität)

Raumansicht „Köpfe“ (Foto: Uwe Dettmar, Copyright: Marketing und Kommunikation, Goethe-Universität)

FAZIT
Nach dem voraussichtlich langen Ausstellungsbesuch von „Ich sehe wunderbare Dinge“ bietet der gleichnamige Katalog (ISBN 978-3-7757-3844-6) und die Onlineplattform einen systematischen Überblick über die heterogenen Sammlungen der Goethe-Universität. Ergänzt und medial begleitet wird die Präsentation im Museum und der Katalog durch Interviewfilme mit den Kurator_innen aller 40 Sammlungen. Insgesamt bietet die Ausstellung nicht nur ein durch „wunderbare Dinge“ erzähltes, großes Stück Universitätsgeschichte, sondern ist im wahrsten Sinne des Wortes „universaler“ zu fassen. Sie zeigt eine neue und spannende Möglichkeit universitäre Sammlungen und akademisches Sammeln auszustellen und zu vermitteln. Zugleich ist sie mit ihrem Konnex zu anderen wichtigen „Institutionen“ in Frankfurt auch ein Stück Stadt- und Stiftergeschichte. Mit dieser Jubiläumsausstellung geht die Goethe-Universität einen weiteren wichtigen Schritt – weg vom Elfenbeinturm, in Richtung Stadtgesellschaft und eigenes Uni-Museum.
Aus diesem Grund und weil es so viel „Wunderbares“ zu sehen gibt, empfehle ich allen den Besuch der Ausstellung und diese zugleich für Tanja Praskes Blogparade „Mein Kultur-Tipp für Euch„. Ich selbst werde versuchen, mit einem weiteren Beitrag in Form eines Interviews mit den Kuratorinnen der Ausstellung selbst noch mehr „Schätze zu entdecken“…

Raumansicht "Idealbild" oder "Die ideale Frau" (Foto: Uwe Dettmar, Copyright: Marketing und Kommunikation, Goethe-Universität)

Raumansicht „Idealbild“ oder „Die ideale Frau“ (Foto: Uwe Dettmar, Copyright: Marketing und Kommunikation, Goethe-Universität)

4 Antworten zu “„Ich sehe wunderbare Dinge“ – 100 Jahre Sammlungen der Goethe-Universität

  1. Liebe Annabelle,

    eine faszinierende Ausstellung. Ich bin zwar nächste Woche in Frankfurt, werde es vermutlich nicht schaffen, in das Museum Giersch zu gehen. Dank deines Blogposts bin ich darauf aufmerksam geworden. Natürlcih freut es mich sehr, dass das dein „faszinierende Kunsterlebnis“ ist, nur fand die Blogparade schon 2013 statt😉 . Aber es zeigt, ich sollte das Thema wohl wieder aufleben. Nach #KultTipp, die gerade zu Ende ging, werde ich ein bisschen pausieren, was Blogparaden angeht.

    Vielen Dank für diese sehr schöne Rezension der Ausstellung „Ich sehe wunderbare Dinge“.

    Abendliche Grüße
    Tanja Praske

    • Liebe Tanja, ich hab es tatsächlich voll verrafft…. und wollte eigentlich in die andere Parade von eben erst. Da war ich wohl etwas umnachtet. Dankeschön, dass dir der Beitrag gefallen hat. Ich gehe davon aus, dass wir uns bei Senckenberg sehen?!
      Bis dann und die Ausstellung läuft noch bis Februar, vielleicht schaffst du es ja noch bis dahin.
      Schöne Grüße zurück! Annabelle

  2. Liebe Annabelle,

    komme jetzt erst dazu, dir zu schreiben. Ja, prima war es dich im Senckenberg Museum zu treffen und ja, du bist bei #KultTipp dabei. Nehme dich gleich auf. Dann werde ich mich ans Fazit begeben.

    Alles Gute und hoffentlich bis bald mal wieder

    herzlich,
    Tanja

  3. Pingback: Kulturtipps in Berlin - Museen, Künstlerinnen und Festivals #KultTipp 7·

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