„Nur nicht aus Liebe weinen…“ – Die Kassette geht, doch die Liebe bleibt… #dailyvanish

Vor 50 Jahren erfand der niederländisches Ingenieur Lou Ottens ein Medium, das unser Leben entscheidend veränderte: Die Musikkassette. Die Musikkassette ist also im Jahr 2013 50 Jahre alt geworden und leider schon auf dem Weg des Rückzugs aus unserem Alltag. Man findet die Kassette heute oft nur noch in Kinderzimmern in Form von Hörspielen oder im Ausland, da die Kassette bis heute als viel „robuster“ als die CD gilt. Obwohl die Kassette (Compact Cassette) kaum mehr genutzt wird, fasziniert sie uns bis heute und fast jeder erinnert sich im Zusammenhang mit ihr an ähnliche Szenen aus Kinder- und Jugendzeiten. Der Kassettenrekorder, den man als Kind ständig mit sich rumträgt, um Reportagen oder die eigenen Gesangsversuche aufzuzeichnen. Oder Kassetten, die man in seinem eigenen Zimmer auf voller Lautstärke abspielt, aufgenommen aus dem Radio oder eine Kopie der CDs, die Freund_innen besaßen, von denen man selbst allerdings nur geträumt hat. In meinem Fall führt mich Letzteres vor allem in das Jahr 1993 mit Ace of Base, 4 Non Blondes, Shaggy, Snap, Michael Jackson – zugegebenermaßen eine wilde Mischung, aber man darf mit 14 auch noch musikalische Sünden begehen.

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Jedoch gibt es eine Erinnerung im Zusammenhang mit der Musikkassette, die die vorherigen überstrahlt. Es sind die Kassetten, aufgenommen für oder von Menschen, die man liebt(e). Meist besitzt man die selbst aufgenommenen Kassetten nicht mehr, es sei denn man hat sie gemeinsam mit bitterem Trennungsschmerz in einem Karton mit Kuscheltieren und Liebesbriefen auf Diddel-Maus-Postkarten zurück erhalten. Auch wenn ich wenige, der von mir aufgenommenen Kassetten je wieder zurück erhalten habe, erkenne ich an diesen wenigen doch meinen Hang aus der schnöden Musikkassette eine wahres Schmuckstück herzustellen. Es wurde natürlich das äußere Erscheinungsbild individualisiert: Die Pappe in der Hülle wurde innen mit meiner besten Schönmädchenschrift beschriftet und außen mit einer Art Zeit-Collage beklebt – bestehend aus Bildern aus Katalogen oder Zeitschriften. Den letzten Schliff gab ich der Hülle, indem ich sie an bestimmten Stellen mit Glitzernagellack übermalte. Der Inhalt ergänzte meiner damaligen Meinung nach das liebevolle äußere Erscheinungsbild. Programmatisch in Liebes- oder auch Freundschaftsdingen hielt ich ab Mitte der 90er Jahre die Musik aus den 50er bis 70er Jahren. Songs, die ich auf den Schallplatten meiner Eltern oder auf entsprechenden Compilations in anderen Kassetten oder viel seltener auf CDs fand. So ergänzten sich Elvis und Paul Anka, Scott McKenzie und Percy Sledge, Roy Orbison und die Mamas & Papas, ABBA und die Beatles perfekt, wenn sie allesamt von der Liebe sangen. Kurze Zeit später mischten sich dann aufgrund des Einflusses eines Freundes dann eher auch Bands wie Guns n´ Roses, Red Hot Chili Peppers oder Pearl Jam in die Playlisten, um Liebe, Zuneigung oder tiefe Freundschaft auszudrücken.

Interessant und vielzählig in meinem Besitz bis heute sind Kassetten, die von längst vergangenen Lieben geschenkt bekommen habe. Allesamt erinnern sie mich als Gegenstand oder mit der Musik darauf an vergangene Gefühle, Aufregungen des Erwachsenenwerdens und an die Liebe in allen Facetten. Zwei Kassetten sind mir hierbei besonders ans Herz gewachsen – wie so oft die erste und die letzte. Mein erstes Mixtape von einem Jungen erhielt ich mit ungefähr 13 Jahren. Ein gut aussehender Klassenkamerad sollte zwei Wochen in der Schule fehlen, um im Ausland an einem Sportwettkampf teilzunehmen. Für diese Zeit erhielt ich eine von ihm aufgenommene Musikkassette (sowie später zwei Postkarten von der Reise) ohne dass wir jemals ein Paar werden sollten. Der Inhalt der Musikkassette ist aus heutiger Sicht betrachtet allerdings wenig romantisch, da sie keine wirklichen Liebeslieder, sondern vor allem alte Hip-Hop- und Rap Klassiker à la „Welcome to the F*-Shop“ (2LiveCrew) oder „Justified and Acient“ (KLF) enthält. Obwohl wenig passend für unsere Beziehung war schon der Erhalt der Kassette durch den Jungen ein Liebesbeweis. Die letzte Musikkassette erhielt ich von meinem ersten richtigen Freund allerdings erst als wir beide bereits studierten. Wir waren in unserer Jugend mehrere Male zusammen gewesen und so erhielt ich bei unserer letzten, sehr freundschaftlichen Trennung eine Musikkassette. Diese war zugleich als Abschiedsgeschenk und als Beweisstück dafür gedacht, dass wir zwar getrennte Wege gehen, aber durch gemeinsame Erinnerungen stets verbunden sein sollten. Bis heute denke ich trotz der Jahre, die vergangen sind, mit gerne an den Jungen zurück, wenn ich Lauren Hills samtener Stimme oder Herbert Grönemeyers düsteren Liebeserklärungen aus dem Album „Schmetterlinge im Eis“ lausche. Obwohl ich die Musikkassette oder die Lieder darauf bis heute sehr mag – leider unterbricht sie an manchen Stellen vom häufigen Zurückspulen – wurde hier eine wichtige Regel verletzt, welche die perfekte Playliste niemals aufweisen darf: Es dürfen nie zwei Songs desselben Interpreten auf einer Kassette sein… Das geht gar nicht…

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Für das Bespielen der Kassette gibt es goldene Regeln. Wobei wir endlich beim berühmten Roman Nick Hornbys angelangt wären: „High Fidelity“. In diesem Roman führt uns der Protagonist vor, dass es der perfekten Playliste für den ebenso perfekten Liebesbeweis bedarf. Das ist in der Quintessenz auch die Botschaft, die die Kassette sendet. Sie sendet Liebe. Deswegen sind wir Kassettenliebhaber auch traurig, dass die Kassette von CDs, USB-Sticks oder virtuellen Plattformen abgelöst wird. Ähnliches beschreibt der Spiegel in dem Artikel „Musik-Kassette. Das Band der Liebe“ : „Vielleicht liegt es im Wesen der Kassette selbst. Das Gefühl, das sie allein vermittelt, wenn man sie in der Hand hält. Ihr Gewicht, ihre Robustheit, das Klackern der Bandspulen, wenn man sie hin- und herschüttelt. Sie ist hart im Nehmen einerseits, anderseits ist sie umständlich, sie ist nicht glatt und seelenlos wie ein CD-Rohling, sie hat eben Charakter. Und oft ist sie ans Herz gewachsen.“

Ja, sie ist uns ans Herz gewachsen, aber so sehr wir die Musikkassette auch lieben, irgendwann wird sie von der Bildfläche verschwinden. In diesem Sinne: Mach´s gut, Musikkassette, wir werden Dich vermissen!

Allerdings sollte man nicht allzu traurig sein oder um die Kassette, das verschwundene Ding, weinen. Mag das Trägermaterial auch verschwinden, dennoch bleibt die Botschaft, die die Kassette zumeist ausstrahlt: Wann immer man liebt und diese Liebe in Musik ausdrücken will, wird es auch in Zukunft immer ein Medium geben, das die richtige (Liebes-)Botschaft sendet.

Dieser Beitrag ist zum einen der Musikkassette, der perfekten Playliste (wer sich hier für mehr interessiert, siehe dazu auch die Blogparade Mixtape Revisited) sowie der Liebe gewidmet und zum anderen Teil der Blogparade des Museumshelden alias Sebastian Hartmann mit dem Titel: „Dinge, die aus unserem Alltag verschwinden“ #dailyvanish“. Danke, Sebastian für die tollen Ideen und digitalen Bereicherungen, die Du uns „bescherst“.

Eine Antwort zu “„Nur nicht aus Liebe weinen…“ – Die Kassette geht, doch die Liebe bleibt… #dailyvanish

  1. Pingback: Aufruf zur Blogparade “Dinge, die aus unserem Alltag veschwinden” #dailyvanish | MUSEUM & SOCIAL WEB·

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