InterKulturelle Kommunikation

SONY DSC

Das Museum für Kommunikation Frankfurt zeigt seit letzter Woche bis 1. September 2013 die Ausstellung „Glücksfälle, Störfälle – Facetten interkultureller Kommunikation“. Wie der Titel schon sagt, geht es in der Ausstellung um die Spannungs- oder auch Problemfelder der Kommunikation, die sich zwischen verschiedenen Kulturen ergeben können.

Blick in die Ausstellung

Blick in die Ausstellung

Wissenschaftlich geht die Idee der interkulturellen Kommunikation bereits zurück in die 60er Jahre und auf den amerikanischen Anthropologen Edward Hall, der kommunikative kulturelle Unterschiede im Bezug auf Werte, Zeitvorstellung, Arbeit, Privates untersuchte und auf die jeweiligen Gesellschaften zurück gespiegelt hat. Da sich jedoch mit der Globalisierung, der Kommunikation über das Internet sowie einem vielfältiger werdenden Migration auch der Begriff „Kultur“ immer mehr erweitert, versucht die Ausstellung all´ diese Facetten abzubilden. Von der Schrittgeschwindigkeit verschiedener Nationen – eine tolle interaktive Station, bei der man den eigenen Schritt messen kann – bis hin zur unterschiedlichen Bedeutung von Farben, möchte die Ausstellung fremde Kulturen in allen Einzelheiten beleuchten.

Kulturkleeblatt

Kulturkleeblatt

So beginnt man den Rundgang durch die Ausstellung, indem man auf das so genannte „Kultur-Kleeblatt“ trifft: Eine Gruppe von vier unterschiedlichen „Kulturkennern“ und „Kulturkommentatoren“, denen die Besucher_innen an wichtigen Stationen der Ausstellung begegnen und die dort durch Kommentare hörbar werden. In den Stimmen des Kleeblatts werden ganz heterogene Sichtweisen auf Kultur bzw. das Ausgestellte deutlich. Vom geschäftsreisenden Universalist Hermann W. aus Schwaben, dem der Kurator der Ausstellung Bodo Baumunk seine Stimme geliehen hat, bis hin zur Egozentrikerin Julia M., die seit ihrem 16. Lebensjahr die Welt bereist und ein entsprechendes Blog führt, gibt jeder seinen/ihren „Senf“ dazu. In den Stimmen des Kleeblatts zeigen sich durch die akutischen Interventionen verschiedene Deutungen von Kultur und Sichtweisen darauf. Viele Meinungen zu einem Thema, eigene und fremde Kultur aus verschiedenen Blickwinkeln – Phänomene, denen man in dieser Weise auch alltäglich begegnet…

Stille Post von Angelika Böck

Stille Post von Angelika Böck

Im erste Teil der Ausstellung werden kulturelle Unterschiede auch anhand von künstlerischer Umsetzung vorgeführt, wie beispielsweise durch die Installation „Stille Post“ von Angelika Böck. Man sieht mehrere weibliche Skulpturen, die in einer Reihe und auf Sockeln aufgestellt sind, flankiert von jeweils einem Schwarz-Weiß-Foto afrikanischer Künstler. Die Skulpturen zeugen von kulturspezifischer Wahrnehmung. Der erste Künstler Dramane Kolo-Zié Coulibaly fertigte ein Abbild der Europäerin Angelika Böck. Diese Skulptur wurde weiter gereicht, von je einem anderen afrikanischen Künstler rezipiert und modifiziert. Folge der reihenweise Rezeption war, dass das Abbild sich immer mehr veränderte und bald mehr einer afrikanischen als einer europäischen Frau ähnelte.

Die japanische Pariserin, 1885 von Alfred Stevens

Die japanische Pariserin, 1885 von Alfred Stevens

Nach der Vorstellung von gruppenspezifischen (Sub-)Kulturen, Gruppenzugehörigkeit durch Kleidung und Tracht, sowie die Übernahme exotischer oder „anderer“ Kulturen durch die westliche Gesellschaft erreicht man beim Ausstellungsrundgang das so genannte Gewächshaus. Die dominierende Farbe Grün, die dort vorherrscht, steht für die Idee, Kultur als etwas Lebendiges und in einem ständigen Wandel und Werden zu begreifen.

Der zweite Teil der Ausstellung ist heller und in weiß gehalten. An langen Vitrinen und Präsentationstischen findet man charmante Exponate, die Geschichten von unterschiedlichen Kulturen erzählen.

Boxdummy

Boxdummy

Da wäre zum Beispiel der Boxdummy, dem man als geneigte Besucherin auch mal einen kräftigen Schlag auf die Nase geben darf, und der symbolisch für den Versuch non-verbaler Kommunikation steht. Kickboxen oder ähnliche Sportarten werden dort eingesetzt, wo Kommunikation im Sinne von Miteinander Reden nicht greift und wo Regeln Aggressionen eindämmen und teilsweise sogar abbauen.

Wolle, Farbe, Wort

Wolle, Farbe, Wort

Eine weitere schöne Geschichte, die die Ausstellung zeigt, wird anhand verschieden farbiger Wollknäule erzählt. Die bunten Farben der Wolle haben hierbei immer eine andere Bedeutung. Die fremdsprachlichen Begriffe bedeuten jeweils nicht nur die Farbbezeichnung, sondern auch immer etwas anderes. Schwarz etwa ist auch der Begriff für ein „sehr schwarzes Schwein“ oder grün steht zugleich für eine „grüne Papageienart“.

Viele, viele interkulturelle Barbies

Viele, viele interkulturelle Barbies

Mein absolutes Highlight der Ausstellung ist die Sammlung verschiedener Barbie-Puppen. Barbie, die selbt für ihr blondes Haar und europäisches Äußeres bekannt ist, wird hier nicht gezeigt, sattdessen werden ihre asiatischen, hispanischen oder afro-amerikanischen „Schwestern“ ausgestellt. So halten auf Puppen-Ebene unterschiedliche Nationen und Ethnien ins Kinderzimmer Einzug. Das erinnert mich an meine Freude, als mein Vater mir meine erste Barbie-of-Colour aus den USA mitgebracht hatte. Ich hatte endlich eine „andere“ Barbie, der ich, um ihre Besonderheit zu unterstreichen, mal nicht die Haare abschneiden musste. Unter den unterschiedlichen Puppen ist besonders Fulla, Barbies arabische Schwester, hevorzuheben: Obwohl sie verschleiert ist, beschäftigt sie sich in den dazugehörigen Videos auch ohne Kopfbedeckung mit ganz normalen „Barbie-Tätigkeiten“ wie Freundinnen treffen, Kleider anprobieren und Illustrierte lesen.

Intergalaktische Kommunikation

Intergalaktische Kommunikation

Etwas zu kurz kommt für mich, da ich diese Facette der interkulturellen Kommunikation äußerst spannend finde, die intergalaktische Kommunikation. Besonders, wenn man bedenkt, wie viele tausend Menschen klingonisch sprechen und wie viele Bücher und Filme sich alleine um die Kommunikation zwischen Menschen und Außerirdischen drehen. Meiner Meinung nach also eine der wichtigeren interkulturellen Kommunikationsformen.

Kulturgletscher

Kulturgletscher

Was die Ausstellung will, nämlich interkulturelle Kommunikation als Ganzes zu vermitteln, gelingt nur bedingt. Anderes gilt für die „interkulturellen Geschichten“ einzelner Exponate. Diese bleiben auf wunderbare Art und Weise im Gedächtnis – so wird man den Ohrwurm des Fulla-Werbe-Videos nicht so schnell wieder los oder auch die Erinnerung an den Zusammenhang von Laufgeschwindigkeit und nationaler Zugehörigkeit. Die Ausstellung als Ganzes wirkt an vielen Stellen, nicht nur im historischen Rückblick, zu eurozentristisch. So gelingt im Großen nicht, was im Kleinen und auf Exponatebene den Besucher_innen schnell verständlich wird, nämlich alle Facetten von „Interkultur“ und „Kommunikation“ zu zeigen. Allzu oft herrscht die Deutungshoheit des weißen europäischen Mannes vor. Damit vergibt sich die Ausstellung ihre große Chance und scheitert an dem Problem, das sich den Themen Inter-, Transkulturalität oder Migration immer stellt: Man kann das „Fremde“ nie ganz als „Eigenes“ abbilden.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s