Der Wettlauf mit der Zeit…

Das Museum für Kommunikation Frankfurt zeigt ab dem 27.9.2012 die Ausstellung „Tempo Tempo! Im Wettlauf mit der Zeit“ und ich durfte als (eben gerade noch) Mitarbeiterin schon vorab einen Blick in die Ausstellung werfen.

INTRO

Intro

Intro

Was zu allererst auffällt, wenn man über die Treppe in den den Sonderausstellungsbereich geleitet wird, dass sich bereits viele schlaue Menschen mit dem Thema befasst haben. Übergroße schwarze Zitatwolken, erinnern einen daran, die eigene „Zeit zu sparen“ oder betonen die Unentrinnbarkeit vor der Beschleunigung. Kaum an der obersten Treppe angelangt, bleibt der Gegensatz zwischen der unabwendbaren Beschleunigung, deren Geisel der Mensch ist, zum einen und der Drang des ewigen Suchens nach der Entschleunigung auch in der Gestaltung der Ausstellung präsent. Die Wände regiert das dunkle Holz der Vitrineneinbauten, in denen die Exponate untergebracht sind. Der Innenraum beherbergt übergroße weiße Drehteller, die Phänomene der Beschleunigung in dynamischer Dauerschleife präsentieren. Somit zeigt die Gestaltung der Ausstellung die zwei Seiten der Medaille des Phänomens der Beschleunigung und des Tempos in den letzten fünf Jahrhunderten. Ganz dem Vanitas-Motiv entsprechend, das zusammen mit der Sanduhr die einleitenden Worte der Ausstellung säumt: Nutze den Tag versus alles vergeht!

Einleitung

Einleitung

ZEIT

Carl Saltzmann: Erste elektrische Straßenbeleuchtung in Berlin, 1884 (Reproduktion)

Carl Saltzmann: Erste elektrische Straßenbeleuchtung in Berlin, 1884 (Reproduktion)

Zeit, so liest man am Beginn, ist vergangen, bevor wir überhaupt das Jetzt erfassen; Zeit ist linear und vergeht kontinuierlich, dadurch wird sie zu einem kostbaren Gut; Zeit ist subjektiv – was jeder nachvollziehen kann, der als Kind schon mal auf Weihnachtsgeschenke gewartet hat; und schließlich ist Zeit überall. Der letzte Punkt ist wohl für unsere Generation, die wir tagtäglich nicht nur mit Uhren und Wecker sondern auch mit der beschleunigten Kommunikation in Form von Handys, Smartphones, iPads und der allgemein höheren Geschwindigkeit unsere Umgebung konfrontiert sind, besonders präsent. So ist natürlich auch der Untertitel des „Wettlaufs mit der Zeit“ sehr passend. Er drückt das getaktete Lebenstempo und das von uns stets verlangte Anpassen an dieses aus. Dieser Wettlauf oder auch der Zwang zu einem gesellschaftlichen Tempo symbolisiert für mich der Hasen bei Alice im Wunderland und dessen ständiges gebetsmühlenartiges „Keine Zeit, keine Zeit“

Dem ewigen Wettlauf und dem vorgegebenen Tempo tut die Ausstellung Genüge, indem sie ihren Besucher_innen sowohl einen langen als auch eine kurzen Durchgang ermöglicht… je nachdem, wer wie viel Zeit mitgebracht hat. Die Stechuhr zu Anfang und zu Ende tut natürlich ihr eigenes: So kann auch die Länge des eigenen Ausstellunsgbesuchs kontrolliert werden und bei zu großer Verzögerungen beim nächsten Mal reduziert oder rationalisiert werden.

GLIEDERUNG

Drehteller mit beschleunigten Produkten

Drehteller mit beschleunigten Produkten

Die Gliederung der Ausstellung kann man bei den Vitrinenwänden durch verschiedene Farbgebungen – für jeden Bereich bzw. jede Unterabteilung eine neue – erkennen; bei den Drehtellern symbolisiert ein jeder ein anderes Phänomen, ein Querschnitt der Botschaften an den Wänden. Da sich die Ausstellung dem Thema Beschleunigung sowohl von (technik-)historischer als auch kulturwissenschaftlicher Seite nähert, sind neben Mensch und Kultur ganz klar die Themen Kommunikation, Bewegung und Verkehr im Vordergrund.

EXPONATE

Ganz klar und dabei sei schon ein Fazit vorausgeschickt, sind die Exponate diejenigen, die Botschaften der Ausstellung deutlicher ausdrücken als Gestaltung oder Texte. Sie sind die wahren Helden der Ausstellung. Wer sich die Mühe macht, die feine Auswahl an Dingen und Geschichten, die sich in den Vitrinen präsentieren, ganz genau anzuschauen, weiß, was ich meine. Obwohl man mehr als 20 Wecker, Uhren oder Zeitmessgeräte zählen kann, sind diese nie langweilig und unterstützen ebenso wie der Reisepass von Jacob Grimm oder ein schnell hingekrizelte Beschreibung einer Kaffeemaschine von Beethoven zu die Ideen, welche die Ausstellung vermitteln möchte: Der zu schnelle Takt der Umgebung ist nicht nur ein zeitgenössisches Phänomen, sondern hat auch vor 300 Jahren schon die Menschen beschäftigt. Alles in allem muss man sagen, dass hier wahre Schätze, vor allem auch aus den Sammlungen des Museums für Kommunikation den Weg ans Tageslicht gefunden haben.

IMMER SCHNELLER – FAST FORWARD

Schneller fahren, schneller schreiben

Schneller fahren, schneller schreiben

Der Verkehr sowie das beschleunigte Senden und Empfangen von Nachrichten zeigen die Beschleunigung des einzelnen Menschen besonders deutlich. Ob der mit Postkutsche oder mit dem Zug es galt seit jeher Mensch und Botschaft so schnell wie möglich, aber gleichzeitig so weit wie möglich transportieren zu wollen. „Immer schneller“ beschränkte sich aber nicht nur auf Reisen, Kommunikation und Fortbewegung, sondern bald und bis heute viel allgemeiner auf alle Gesellschaftsbereiche.

ZEIT IST GELD – HÖHER, SCHNELLER, WEITER

Zeitsparende Küchenhelferlein

Zeitsparende Küchenhelferlein

Die Ausstellung führt auch vor, wie diese verkürzte Zeit am Besten und Effizientesten genutzt wird. Ob das Frühstück samt Kaffeebecher to go gleich beim Laufen zum Bahnhof eingenommen und dabei schon die erste Geschäftskorrespondenz am Handy erledigt wird oder ob die Pendelzeit selbst schon als erweitertes Büro genutzt wird, die Gesellschaft ist sich des allgemeinen „Zeit ist Geld“ natürlich bewußt. Die Zeitökonomie beschränkt sich aber nicht nur auf den öffentlichen oder geschäftlichen Bereich, auch im Privaten ist sie wichtig. Das zeigt(e) schon Mutti, die sich im Haushalt mit dem Schnellkochtopf oder der 5-Minuten-Terrine ein paar Minuten einspart.

ALWAYS ON – ALWAYS ON-LINE

Videoinstallation von Tilman Küntzel "Tempo Tempo"

Videoinstallation von Tilman Küntzel „Tempo Tempo“

Mit der allgemeinen Beschleunigung geht auch ein weiterer Bereich, dem sich die Ausstellung widmet, Hand in Hand: Man muss immer „on“ sein, immer erreichbar sein und ansprechbar. Neben Emails checken, facebooken und twittern, werden Nachrichten im Netz und Wissen in Wikipedia gebündelt. Der Mensch vergeude somit keine Zeit mehr mit langwierigem Nachschlagen von Informationen, sondern bekommt in Sekundenschnelle alles aus dem Netz. Wer die Flut der Nachrichten und Kommunikation bewältigen will, muss ein gutes Zeitmanegement aufweisen – das ist ist inzwischen nicht mehr nur eine geschäftliche, sondern auch eine private Tugend.

FAZIT – AUF DER SUCHE NACH DER VERLORENEN ZEIT?

Doch auch die Gedanken über die Möglichkeiten die Beschleunigung und das schnelle Tempo in den Griff zu bekommen, ohne dass bei uns allen am Ende der Burn-Out steht, bleibt uns die Ausstellung nicht schuldig. Sie führt positives Zeitmanagment sowie die Harmonisierung des Work-Life-Balance vor und präsentiert die Flut der Ratgeberliteratur gerade auf diesem Gebiet. Wem das alles aber nichts gibt und wer nicht den schnellen Rundgang durch die Ausstellung machen muss, dem bietet am Ende der Ausstellung der „Museraum“ die Möglichkeit des Aufenthalts, der Entspannung und Entschleunigung.
Hier ist auch die Gelegenheit ein Fazit der Ausstellung zu ziehen: Die Exponate sind gelungen gewählt und die Ausstellung führt die wichtigsten historischen, aber auch zeitgenössischen Facetten der Beschleunigung vor. Mit ihren „festen“ Statements ist sie jedoch nicht überraschend und erinnert eher an eine Dauer- denn eine Wechselausstellung. Aber vielleicht ist es wichtig, dass eine Ausstellung zu diesem Thema solide und entschleunigt statt aufgeregt und hektisch ist. Und deswegen lasse ich den Besuch im Museraum mit Blick auf die Frankfurter Skyline ausklingen und dann ist es fast so, als würde die Zeit still stehen.

Frankfurter Skyline

Frankfurter Skyline

STATEMENT DER KURATORIN

In einem kurzen Interview wollen wir auch die Kuratorin der Ausstellung, Frau Katrin Petersen, zu Wort kommen lassen:

A.H.: Tempo Tempo, worum geht es?

K.P.: Die Ausstellung „Tempo Tempo! Im Wettlauf mit der Zeit“ zeigt, wie sich das Leben in den letzten fünf Jahrhunderten beschleunigt und wie sich damit auch unser Verständnis von Zeit verändert hat.

A.H.: Bitte sage genauer, was uns oder wie uns die Ausstellung im Bereich Kommunikation und Medien Beschleunigung vorführt?

K.P.: Anhand von ungefähr 250 Alltagsobjekten zeigen wir, dass Zeitknappheit nicht erst ein Phänomen des Handy-Zeitalters ist. Bereits die Post hielt im frühen 18. Jahrhundert ihre Beschäftigten zur Eile an und kontrolliert mit Stundenzetteln die genauen Abfahrts- und Ankunftszeiten. Mit der elektrischen Telegrafie war bereits Mitte des 19. Jahrhunderts eine Übertragung von Nachrichten in Echtzeit möglich. Schon hier gab es Zeitungen, die zweimal täglich mit den neuesten telegrafischen Depeschen und Nachrichten erschienen. In der Zusammenschau zeigen die Exponate, wie tief Zeitkontrolle und der Wunsch, Prozesse zu beschleunigen, in unserem Alltag verwurzelt sind. Ein Tacker aus den 1920er Jahren zeigt zum Beispiel, wie die Rationalisierung nicht nur in die Fabriken, sondern auch in die Büros Einzug hält – nach dem Motto: besser organisieren, schneller finden.

A.H.: Es ist ja ein Thema ganz am „Puls der Zeit“. Kannst Du dazu noch etwas sagen?

K.P.: Das Thema Burnout ist zur Zeit in aller Munde. Vielfach wird dies auf die technischen Entwicklungen wie Mobiltelefon und Internet zurückgeführt. Ähnlich übrigens wie der Nervositätsdiskurs um 1900 – auch hier führte man als Ursache für nervöse Erkrankungen den technischen Fortschritt an. Heute klagen viele über Zeitknappheit, die Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben verschwimmen, weil wir natürlich einerseits mit den neuen Medien viel mobiler sind, andererseits aber auch unter dem Druck der Erreichbarkeit stehen.

A.H.: Ist Entschleunigung in den heutigen Zeiten überhaupt möglich oder ein Mythos?

K.P.: Letztendlich muss jeder Mensch diese Frage für sich selbst beantworten. Bisher haben sich die Menschen sehr gut an ein höheres Tempo gewöhnen können. Schließlich fahren die meisten Menschen Eisenbahn, ohne dass ihnen „hören und sehen vergeht“ wie dies wohl bei den Passagieren der ersten Eisenbahnfahrten der Fall war. Ich glaube auch nicht, dass wir oberflächlicher werden, nur weil wir neue schnelle Medien nutzen. Ich denke, dass wir einfach beobachten und hinterfragen müssen, wie neue schnellere Kommunikations- und Verkehrstechniken unser Handeln, unsere Erwartungshaltungen und unsere Wahrnehmung verändern und dann schauen, ob wir dies so hinnehmen möchten oder nicht. Wir müssen sehen, welche Chancen sich entwickeln und was vielleicht auf der Strecke bleibt. Die Flexibilisierung der Arbeitszeiten zum Beispiel ermöglicht einerseits mehr Selbstbestimmung, andererseits wird die Verantwortung für das Zeitmanagement vollkommen an das Individuum delegiert. Ich finde, dass man dann schon darüber diskutieren sollte, wo eigentlich die Grenzen sind, nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Umwelt oder für das Zusammenleben.

A.H.: Wie wurde das Thema gestalterisch umgesetzt?

K.P.: Die Gestaltung der Agentur unit-design greift mit geschwungenen Exponatwänden und Drehtellern das Thema Bewegung auf, ohne jedoch Hetze zu erzeugen. Der Ausstellungsraum selbst ist eher entschleunigt und lädt die Besucher zum Flanieren ein.

A.H.: Nun noch Fragen, die zur Ausstellung selbst und nicht so sehr zum Phänomen der Beschleunigung. Also das schnellste/temporeichste Exponat und drückt die Botschaft der Ausstellung am Besten aus und warum?

K.P.: Ein früher Börsencomputer aus den 1960er Jahren, ein Vorläufer des modernen Computerhandels. Ohne menschliches Eingreifen handeln Computer heute in Bruchteilen von Sekunden. 2008 führte eine durch Computer ausgelöste Abwärtsspirale zum Börsencrash.

A.H.: Das „entschleunigste“/langsamte Exponat?

K.P.: Eigentlich ja fast alle Exponate, da sie im Museum ja möglichst konserviert werden, ihr Zustand sich also möglichst nicht ändern soll, aber das Exponat, das für mich am meisten für Entschleunigung steht, ist wohl ein Buddha aus dem Baumarkt.

A.H.: Das wertvollste Exponat?

K.P.: Eine Beethoven-Handschrift aus dem Jahr 1825, in der Ludwig van Beethoven eine Kaffeemaschine lobt, die ihm Bohnen und Zeit sparen würde.

A.H.: Das Lieblingsexponat der Ausstellunsgkuratorin?

K.P.: Einerseits natürlich die Beethoven-Handschrift, aber dann wechseln die Lieblingsexponate beinah täglich. Vor zwei Wochen war es noch eine wunderschöne Türmchenuhr, aber heute war es ein Rucksack mit einer Handytasche. Faszinierend, was sich Menschen einfallen lassen, damit sie ihr Handy immer, aber auch immer griffbereit haben.

A.H.: Und was ist für Dich selbst „Tempo Tempo“

K.P.: Morgens die Straßenbahn so zu erreichen, dass beim Umsteigen in die Regionalbahn noch genau drei Minuten Zeit sind, um Kaffee, Frühstück und Zeitung zu kaufen.

A.H.: Vielen Dank und viel Erfolg für die Ausstellung!

Die Kuratorin der Ausstellung

Die Kuratorin der Ausstellung

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