Die documenta und ich

Karlsaue - Foto: Frank Löbig

Karlsaue – Foto: Frank Löbig

Es gab bereits viele Berichte über die documenta 13 auch von Blogger_innen wie Tine Nowak, die ich sehr schätze, so dass ich gestern schon „voreingenommen“ nach Kassel zu meinem eigenen documenta-Besuch aufgebrochen bin. Voreingenommen in dem Sinne, dass ich mich vor allem, was Zeit und Nutzen – nur einen Tag zum Besuchen und so viel zu sehen – betraf, auf die Tipps anderer und die Planung meines Liebsten verlassen habe. Dies wird also keine detaillierte Rundumschau oder Analyse bezüglich Kunstwerken oder der Ausstellung an sich, sondern einfach eine Sammlung von Impressionen und Gedanken – untermalt mit Fotos von Frank Löbig und, wenn nicht anders angegeben, von mir selbst.

documenta 13 ist bunt

Ein Kuntwerk, das immer bunter wird und unglaublich beeindruckend ist, deswegen steht das hier auch an erster Stelle, ist Yan Leis „Limited Art Project“. Die Idee dahinter, dass das Kunstwerk arbeit und sich über die 100 Tage der documenta verändert, gab es natürlich bereits, aber trotzdem finde ich das Werk genial. Zum einen thematisieren die willkürlich vom Künstler im Internet gefundenen Bilder als Grundlage für die Malereien – so findet man hier auch die Königin Lizzy – die zeitgenössische Bilderflut im Web und in den Medien. Zum anderen stößt die Einbindung des Volkswagenwerks im Baunatal, das jeden Tag ein anders figuratives Bild in eine monochrome farbige Fläche verwandelt, Gedanken in Richtung Fließband-Kunst an. Für mich eines der gelungensten Werke in der documenta-Halle und auf der ganzen Schau.

Yan Lei "Limited Art Project" - Foto: Frank Löbig

Yan Lei „Limited Art Project“ – Foto: Frank Löbig

documenta 13 ist literarisch

Es gibt schon immer literarische Bezüge in der Kunst, aber bei meinem Besuch haben mich zwei Werke besonders angesprochen. Das war einmal Nalini Malanis Arbeit „In Search of Vanished Blood“, die mit drei großen drehbaren und bemalten Zylindern, einem Videoscreening sowie eingespieltem Text eine Licht-Schatten-Video-Klangcollage der besonderen Art entstehen lässt. Der literarische Bezug findet sich nicht nur im gesprochenen Text, beispielsweise in Auszügen aus Werken Heiner Müllers oder Samuel Becketts, sondern in der Auseinandersetzung des Videos und des Schattenspiels mit drei literarischen Werken, in denen es um Gewalt, auch im Bezug auf Geschlechterhierarchien, sowie um die Macht der Prophezeiungen geht: Der Titel des Kunstwerks stammt von einem Gedicht von Faiz Ahmed Faiz, was ich zugegebenermaßen nachgeschlagen habe, aber der Bezug zu „Malte Laurids Brigge“ von Rilke und natürlich „Kassandra“ von Christa Wolf ist augenscheinlich. Es hat mir sehr gefallen, dass eines meiner Lieblingsbücher auch 2012 noch Bezugspunkt und Inspiration ist: Kassandra immer wieder Kassandra…

Nalini Malani "In Search of Vanished Blood" - Foto: Frank Löbig

Nalini Malani „In Search of Vanished Blood“ – Foto: Frank Löbig

Auch schön ist die Arbeit der New Yorkerin Ida Applebroog, die ihre Aufzeichnungen gekonnt in Szene und deformierte oder gesichtslose Wesen diesen gegenüber setzt. Im ganzen Raum des Fridericianums gestaltet sie ein Narrativ, dessen wahre Größe im Detail liegt und sich mit politischen Aussagen, der Interpretation eigener oder auch fremder Kunst sowie der problematischen Rolle von Geschlecht auseinandersetzt. Hier wird parallel sowohl die wichtigen Inhalte der Künstlerin als auch ihr eigener Arbeitsprozess veranschaulicht.

Ida Applebroog - Foto: Frank Löbig

Ida Applebroog – Foto: Frank Löbig

documenta 13 ist hör- und fühlbar

Neben dem typischen Sinn, der bei Kunstbetrachtungen angesprochen wird, nämlich dem Sehen, setzten manche Künstler auch auf andere Formen der Wahrnehmung. So ist das vielbesprochene Windkunstwerk „I Need Some Meaning I Can Memorise (The Invisible Pull)“ vom Geschichtenerzähler Ryan Gander im Fridericianums nicht so schwierig zu verstehen, wie manche, mit denen ich gesprochen haben, meinten: Obwohl es gestern nicht allzu warm gewesen war, ist der laue Wind, der einem im EG des Gebäudes umgibt und der einen wirklich, wie es der Titel des Werkes sagt, wie von „Geisterhand“ in den weißen und leeren Ausstellungsraum zieht, doch ganz simpel. In seiner Einfachheit ist die Installation wiederum eine wunderbare Platz für Assoziationen aller Art. Obwohl es in erster Linie architektonische Gründe hat und in diesen speziellen Ausstellungsräumen wohl immer etwas „Zug“ herrscht, treten neben diesen doch auch wohlüberlegte gegenüber: die Zugkraft der Kunstwerke, der Hauch der documenta, der Atem der Kunst… Und so kann sich jeder seine oder ihre eigenen Gedanken dazu machen – und deswegenauch kein Foto, sondern einen Link.

Beeindruckend fand ich in diesem Bezug auf Wahrnehmung auch das Klangkunstwerk „The Mestastable Curcuit 1“ von Tarek Atoui. Ein Kunstwerk, dass aus Software, Computer und Lautsprechern besteht und im Grunde genommen gemeinsam mit der umgebenden Hütte ein großes Instrument repräsentiert. Der Künstler setzt somit nicht nur auf akustische Wahrnehmung, sondern vermittelt in seiner Kunst(-performance) auch die fühlbare Wahrnehmung eines wummernden Basses an die Betrachter_innen. Ein begehrbares Instrument und fühlbare Musik, das fand ich modern und gut.

Tarek Atoui „The Mestastable Curcuit 1“

Tarek Atoui „The Mestastable Curcuit 1“

documenta 13 ist DIY

In der sich durch die gesamte documenta ziehenden ökologischen Komponente haben mir natürlich besonders Kunstwerke gefallen, die sich mit DIY, Stadt und Umwelt beschäftigen. So zum Beispiel das Urban Gardening, das uns gleich beim Betreten des Ottoneums mit einem selbstangelegten Garten, begrüßte.

Noch mehr Selbermachen und Selbstermächtigung war natürlich in dem DIY-Projekt der documenta schlechthin, im Hugenotten-Haus als kollaboratives Gemeinschaftsprojekt initiiert von Theaster Gates zu finden. Ein Haus aus dem 19. Jahrhundert, das im Krieg zerstört wurde, das nach und nach durch Selbermachen entsteht und dessen Gemeinschaft auf Zusammenmachen beruht, ist ein ganz wunderbares Beispiel, wie DIY umgesetzt werden kann.

Hugenotten-Haus

Hugenotten-Haus

documenta ist am Puls der Zeit

Das letzte, was wir vor unserer Abfahrt nach Frankfurt gesehen haben, war William Kentridges Multimediaoper „The Refusal of Time“. Dieses Werk hatten mir durch die Bank alle empfohlen, da es in so spielerischer und doch ernsthafter Weise die Themen Beschleunigung, Tempo und Zeit in allen Bereichen des Lebens von Kommunikation bis hin zum privatem Umfeld in Szene setzt. Die 28 Minuten, die die Performance dauert, sind tatsächlich schneller um als gedacht und die Themen, die sie behandeln, sind so richtig am „Puls der Zeit“ – wie auch übrigens die zukünftige Ausstellung „Tempo Tempo! Im Wettlauf mit der Zeit„, die das Museum für Kommunikation Frankfurt ab dem 27. September 2012 zeigt, verdeutlicht.

Was bleibt also am Ende noch zu sagen: Ich freue mich auf die documenta 14, bei der ich in erstere Linie auf eine noch bessere digitale Vermittlung, eine bessere Übersicht des Apps und noch mehr mediale Spielereien hoffe. Was die Kunstwerke betrifft, ist jedoch alles offen.

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